Costa del Perú

Das Feuerwerk an Eindrücken und Erlebnissen auf den Galapagos-Inseln wollte erst einmal verarbeitet werden. Insofern war es vielleicht gar nicht so schlimm, dass die nächsten Tage und die nächste Landschaft eher “ereignisarm” waren. Aus dem Nachtbus von Guayaquil konnte man das am nächsten morgen schon erahnen. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte eine karge, trockene, braune Landschaft, in welcher der viele Plastikmüll wie Tumbleweed durch die Gegend geblasen wurde. Peru teilt sich auf Grund seiner länglichen Form am deutlichsten von den drei bislang besuchten südamerikanischen Ländern in drei verschiedene Zonen auf: Das dschungelige Amazonasbecken im Osten, dann die bis über 6500 m hohen Anden, die als natürlich Wettergrenze fungieren, und schließlich ein schmaler, trockener Streifen an der Küste, der wahlweise Surferparadies oder Einöde sein kann.

Erster Stopp: Chiclayo

Wir hatten uns gegen Máncora als ersten Stopp entschieden. Zu weit im Norden, zu touristisch, hatten wir über das kleine Surferstädtchen gehört. Nun ja,  retrospektiv wäre uns das wahrscheinlich lieber gewesen als Chiclayo. Ein Ort, der nun wirklich überhaupt nichts zu bieten hatte. In den zwei Tagen, die wir auf dem Weg nach Süden dort eingeplant hatten, konnten wir immerhin Wäsche machen und auf einer Tagestour die Überreste von Pyramiden und Museen über die Sican– und Moche-Kulturen besuchen. Gerade letzteres, das Museo Tumbes Reales de Sipán in Lambayeque ist dabei definitiv einen Besuch wert, beherbergt es doch den eindrucksvollen Goldschmuck aus den Moche-Gräbern (und sieht dabei von außen selbst wie eines aus). Fotos von den Ausstellungsstücken waren aber leider nicht erlaubt.

Ente an der Ecke zur Entenecke
Ente an der Ecke zur Entenecke
Das Museo Tumbes Reales de Sipan. Eines der wenigen Highlights um Chiclayo
Das Museo Tumbes Reales de Sipan. Eines der wenigen Highlights um Chiclayo

Huanchaco und Trujillo

Etwa vier Stunden weiter südlich erreichten wir mit dem Überlandbus Trujillo. Während an Chiclayo der Kolonialstil komplett vorbeigegangen ist, kann Trujillo immerhin mit einer schönen Altstadt aufwarten, die wir allerdings zunächst links liegen ließen. Mit dem Lokalbus fuhren wir nämlich direkt weiter in das etwa 15 km entfernte Huanchaco, das direkt an der Küste liegt. Der Vibe im kleinen Küstenstädtchen war doch deutlich einladender. 

In dem ebenso von Surfern und Aussteigern frequentierten Dörfchen konnte man erahnen, was sich wohl in der Hauptsaison abspielen würde. Denn während in der ersten Jahreshälfte weniger Humboldtstrom und mehr Sonne für den peruanischen Sommer sorgen, befinden wir uns mittlerweile in der absoluten Off-Season. Wettertechnisch bedeutet das, dass zwar bei Sonne noch gute 24 Grad erreicht werden können, aber mit ziemlicher Regelmäßigkeit am Nachmittag Wolken und Wind aufziehen, und die Temperatur empfindlich fällt – kleidungstechnisch herausfordernd.

Hostel mitten im nirgendwo, dafür mit Aussicht
Hostel mitten im nirgendwo, dafür mit Aussicht

Weil unser Hostel leider etwas außerhalb lag und auch sonst mit Charme geizte, fanden wir unser zweites zu Hause im Innenhof des Mandala-Hostels, direkt im Ortskern, wo sich mit Blick auf die Strandpromenade Werder-Spiele streamen, Bier trinken und Ausflüge planen ließen. Die Ruinen von Chan Chan waren weiterer eindrucksvoller Beleg, dass gerade an Perus Küste eine Vielzahl mächtiger Zivilisationen zu Hause waren – in diesem Fall die Chimú, die in ihrer Spätzeit auch nach Norden Richtung Chiclayo expandiert waren. Wenn wir heute an Südamerika denken, kommen uns meistens die mächtigen Inca in den Sinn, die von der Hauptstadt Cusco aus ein Reich von Kolumbien bis Chile beherrschten, als sie im 16. Jahrhundert auf Pizarro und seine spanischen Conquistadores stießen. Der Eindruck der traditionsreichen Hegemonie trügt allerdings, denn die große Inca-Expansionswelle war auch gerade einmal hundert Jahre alt gewesen, als eine Handvoll Spanier und mitgebrachte Bakterien deren Herrschaft jäh beendeten.

Ruinen einer Palastanlage in Chan Chan (das Dach wurde nachträglich eingefügt)
Ruinen einer Palastanlage in Chan Chan (das Dach wurde nachträglich eingefügt)
Plaza de Armas in Trujillo
Plaza de Armas in Trujillo

Kulinarisches Lima

Der machtvolle Sitz der Kolonialherren im westlichen Südamerika war seit je her Lima gewesen. In die heutige Hauptstadt Perus fuhren wir erneut mit dem Nachtbus der uns lieb gewordenen Firma Cruz del Sur, deren Busse und Abläufe sich eher nach Fliegen anfühlen – wären da nur nicht der Verkehr und die unsäglich brutalen Speedbumps auf der Panamericana. Dementsprechend gerädert kamen wir im bewölkten Lima an. In unserem Hostel im Stadtteil Barranco gab es ein Wiedersehen mit Jil und Ruben aus der Schweiz, mit denen wir schon in Quito einen gemeinsamen Tag verbracht hatten. Zusammen spazierten wir uns die Müdigkeit aus den Knochen und genossen abends im Germinando Vida eine kleine Kostprobe der weltweit berühmten Gastro-Szene der Stadt1

Die Besichtigung der Altstadt am Folgetag gestaltete sich dagegen als etwas schwierig. Gerade am Tag zuvor hatte Präsident Vizcarra angekündigt, wegen eines Korruptionsskandals das Parlament aufzulösen2. Unser Weg führte uns also von Polizeiabsperrung zu Polizeiabsperrung, um zumindest aus der Ferne ein paar Fotos von der kolonialen Architektur im politischen Zentrum Perus zu schießen. Mit einem weiteren Spaziergang durch Miraflores und zaghaften ersten Planungen für die weitere Reise, sowie einem weiteren fantastischen Abendessen beschlossen Sabrina und ich den zugegebenermaßen sehr unspektakulären Aufenthalt in Lima, um am Nachmittag des dritten Oktobers den Bus nach Paracas zu besteigen.

Direkt wieder eine politische Krise ausgelöst
Direkt wieder eine politische Krise ausgelöst
Altstadt von Lima (Serviervorschlag)
Altstadt von Lima (Serviervorschlag)

Paracas und die Nazca-Linien

Das kleine Paracas ist ein Fischerdorf, dass komplett auf Tourismus getrimmt ist. Die vielen Schiffchen in der Bucht geben ein malerisches Bild ab, und die Hafenpromenade ist gesäumt von Restaurants und Tour-Agencies. Unseren ersten ganzen Tag dort hatten wir allerdings schon in Lima geplant: Schon seit ich als kleiner Pöks auf der Rückseite einer Kellogg’s-Packung etwas über die mysteriösen Nazca-Linien3 gelesen hatte, wollte ich da mal hin. Oder besser gesagt, drüber fliegen. Die Weiterreise ins gleichnamige, drei Stunden entfernte Städtchen Nazca, das sonst mit wenig Attraktionen aufzuwarten hat, ersparten wir uns und bestiegen direkt am Regionalflughafen von Pisco ein zwölfsitzige Cessna. 

Das Volk der Nazca hat vor etwa 2000 Jahren die riesigen so genannten Geoglyphen in die Wüste gescharrt. Dafür wurden nur wenige Zentimeter Boden abgetragen, weshalb in Anbetracht von Klimawandel und El Niños nicht ausgemacht ist, wie lang die Überbleibsel dieser verlorenen Kultur noch zu sehen sein werden. Manche dieser Figuren und Linien sind kilometerlang und schnurgerade. Und das verrückteste daran: die meisten sind eigentlich nur aus großer Höhe zu erkennen. Es gibt viele Theorien, was die Bedeutung der Sandzeichnungen ist: Zeremonialstätte für Fruchtbarkeitsrituale oder astronomischer Kalender. Ich bin ja fest davon überzeugt, dass es Gruß- und Landezone für außerirdische Besucher sind 🙂

Wenn das nicht für Außerirdische was, warum dann einen "Astronaut" auf den Berg zeichnen?
Wenn das nicht für Außerirdische war, warum dann einen „Astronauten“ auf den Berg zeichnen?
Nur von oben wirklich zu erkennen – die Nazca-Linien
Nur von oben wirklich zu erkennen – die Nazca-Linien

Nach diesem faszinierenden (und für Sabrinas Magen gleichermaßen anstrengenden) Erlebnis standen am Folgetag alle Attraktionen rund um Paracas auf einmal an. Zunächst eine Bootsfahrt zu den Islas Ballestas, einer kleinen vorgelagerten Inselgruppe, die von abertausenden Vögeln, ein paar Seelöwen und Humboldt-Pinguinen bewohnt wird (und alle acht Jahre zum Gewinn des als Dünger wertvollen Guano abgeschabt wird). Danach ging es direkt weiter ins Paracas National Reserve, einer wüstenartigen Halbinsel, die gerade an ihren schroffen Küsten viel Leben beheimatet, aber durch einen Sandsturm eher wenig davon für unsere Augen preisgeben wollte. Der Nachmittag gehörte schließlich dem Transfer nach Huacachina, der einzigen echten Wüstenoase Südamerikas, wo es halsbrecherisches Abenteuer ist, mit Sandbuggys über die hunderte Meter hohen Dünen zu brettern.

Hey, ich kann auch fliegen! Bestimmt! Wartet!
Hey, ich kann auch fliegen! Bestimmt! Wartet!
Einmal alle acht Jahre werden hier tonnenweise Vogelscheiße abgeholt
Einmal alle acht Jahre werden hier tonnenweise Vogelscheiße (Guano) abgeholt
Red Beach im Paracas Natural Reserve
Red Beach im Paracas Natural Reserve
Huacachina – einzige echte Wüstenoase Südamerikas
Huacachina – einzige echte Wüstenoase Südamerikas
Riesige Sanddünen, so weit das Auge reicht
Riesige Sanddünen, so weit das Auge reicht

Nach diesem vollgepackten Tag ersparten wir uns ein weiteres Abenteuer: 17 Stunden kurvige Busfahrt von der Küste ins 3400 m hoch gelegene Cusco wollten wir uns nicht zumuten, weshalb wir, auch wenn wir natürlich versuchen, unnötige Flüge zu vermeiden, diesmal doch die Stunde im Linienflieger vorzogen. In der alten Hauptstadt der Inca war trotz aller Höhenkrankheit das Programm proppevoll – aber davon ein anderes Mal.

PS: Offensichtlich habe ich auf diese Reise ein politisch destabilisierendes Karma mitgebracht. Besuchte Länder und Ereignisse in chronologischer Reihenfolge

  • USA: Hier wird gerade (endlich) ein Rauswurf des inkompetenten Lügenpräsidenten angestrebt
  • Kolumbien: Während wir uns in Medellín aufhielten, erklärten Elemente der FARC die Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes
  • Ecuador: Kaum das Land verlassen, führte die Streichung von Kraftstoffsubventionen zum Aufstand der indigenen Bevölkerung, Protesten in Quito und der provisorischen Verlegung der Regierungsgeschäfte nach Guayaquil (damit ironischerweise dem Titel Vom Hochland an die Pazifikküste folgend)
  • Peru: Am ersten morgen in Lima brach die Nachricht herein, dass der Präsident wegen eines Korruptionsskandals das Parlament auflösen würde

Bolivien, ich möchte mich jetzt schon entschuldigen…

Notizen

  1. https://www.deutschlandfunkkultur.de/peruanische-kueche-essen-wie-gott-in-lima.1076.de.html?dram:article_id=341278
  2. https://www.dw.com/de/politisches-chaos-in-peru/a-50666479
  3. https://en.wikipedia.org/wiki/Nazca_Lines

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2 Antworten

  1. 28. Oktober 2019

    […] wenn uns diese Reise durch Peru bislang gezeigt hat, dass dieses Land im Laufe der Jahrhunderte viele faszinierende Kulturen beheimatet hat, warfen die Inka doch allgegenwärtig ihre Schatten voraus. Etwa 100 Jahre bevor die […]

  2. 31. Oktober 2019

    […] würden. Das war ja zu erwarten gewesen. In Nostalgie und Rückenschmerz dachten wir wehmütig an Cruz del Sur in Peru zurück. Nein, die Pechsträhne fing damit an, dass man Sabrina beim Pausenstopp aus dem […]

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