Im Reich der Inka

Auch wenn uns diese Reise durch Peru bislang gezeigt hat, dass dieses Land im Laufe der Jahrhunderte viele faszinierende Kulturen beheimatet hat, warfen die Inka doch allgegenwärtig ihre Schatten voraus. Etwa 100 Jahre bevor die Spanier im Westen des südamerikanischen Kontinents angekommen waren, hatte das Volk einen beispiellos erfolgreichen Eroberungszug gestartet. Und als Pizarro schließlich vor der Toren stand, waren die Inka die unumstrittene Macht in der Region. Und auch wenn die Legende besagt, dass die ersten Inka dem Titicaca-See entstiegen seien, um die Welt zu befrieden, errichteten sie ihre Hauptstadt ein ganzes Stück weiter im Norden.

Merke: Die Fluffballs mit kurzen Hals und kurzer Schnauze sind Alpakas, keine Lamas
Merke: Die Fluffballs mit kurzem Hals und kurzer Schnauze sind Alpakas, keine Lamas

Touristisches Cusco

In dieses Herz des Inka-Reiches, nach Cusco, waren wir von Pisco aus geflogen. Damit ersparten wir uns 20 Stunden mühselige, kurvenreiche Busfahrt. Dennoch war der Kontrast ein harter: Von Küste auf 3400 Höhenmeter, das merkt man direkt, wenn man mit dem Backpack auf dem Rücken sein Hostel sucht und ungewöhnlich schnell außer Atem ist. Außerdem hatten wir mit einem für uns recht ungewohnten Umstand zu kämpfen: Es ist nachts saukalt dort.

Beherzt stapften wir direkt nach der Ankunft durch die schöne, aber unfassbar touristische Altstadt von Cusco und hatten am Ende einen Plan für die folgenden fünf Tage zusammengestellt, der es in sich hatte. Nach der ersten Nacht mit eiskaltem Badezimmer, Kopfschmerzen von der Soroche1 und wenig Schlaf waren wir am nächsten Morgen nicht mehr ganz so sicher ob unserer optimistischen Programmplanung. Zwar machten wir an diesem ersten ganzen Tag noch die Stadtführung inkl. umliegender Inka-Ruinen, jedoch schafften wir es am Folgetag auf Grund einer weiteren schlaflosen Nacht nicht auf unserer Tour durch’s Sacred Valley, dem Tal des Flusses Urubamba, in dem sich die Kulturreste der alten Zivilisation häufen. Der Rat, sich nach der Ankunft in Cusco zwei Tage ganz entspannt zu akklimatisieren, ist also nicht nur aus der dünnen Luft gegriffen! Mittlerweile hatten auch unsere beiden Lieblings-Schweizer, Ruben und Jill, in unserem Hostel eingecheckt. So konnten wir eine etwas entzerrte Planung gemeinsam synchronisieren.

Architektur in Cusco
In Cusco sind klösterliche Gemäuer oftmals auf Inka-Fundamenten errichtet worden
Parade in Cusco
Man hat mal irgendwann einen der Kriege gegen Chile gewonnen. Deshalb Parade

Also nächster Versuch, aber anderes Ziel: Wir erwischten trotz des Weckers um 4:00 Uhr diesmal unsere Tour. Es ging zum Cerro de siete colores oder im Touristenspanisch Rainbow Mountain genannt. Dieser faszinierende Berg wartet mit einer faszinierenden Kolorierung auf, die er seinen verschiedenen Gesteins- und Mineralschichten zu verdanken hat. Der Spot war erst vor etwa drei Jahren touristisch erschlossen worden, dennoch werden nun jeden Tag mehrere hundert Besucher an der Fuß des Berges gekarrt, um den zweistündigen aufstieg zu starten, der auf 5036 m gipfelt. Hatte ich schon Soroche erwähnt? Schaut man mal so neben sich, entdeckt man jung und alt, fit und gar nicht fit… Und wir hatten noch Glück mit dem Wetter. Bei Regen oder Schnee dürfte der einer oder die andere echte Probleme auf diesem Hike kriegen. Zwar kann man bei Erschöpfung auf ein Pferd umsatteln, aber akute medizinische Versorgung ist dort nicht zu erwarten. Ein echtes Abenteuer also 🙂

Rainbow Mountain: Beeindruckende Natur auf über 5000 Metern
Rainbow Mountain: Beeindruckende Natur auf über 5000 Metern

Ich habe leider keinen Coca-Strauch für dich, lieber M.

Cocablätter kauend ging es bergauf, langsam und Schritt für Schritt. Der Ausblick war die Anstrengung allemal wert. Sabrina hatte es da oben schon ein wenig geschickt, ich hüpfte wie Claudio Pizarro durch die Gegend und fühlte mich großartig. Nach der dreistündigen Rückfahrt nach Cusco war allerdings auch ich dann restlos bedient mit Kopfweh.

Ein Wort noch zu Cocablättern: Ja, daraus wird Kokain gemacht, es ist ein mit ca. 2,5% natürlich vorkommendes Alkaloid in den Blättern. Nein, die Blätter selbst sind keine Droge und haben auch keine Suchtwirkung. Die Blätter werden überall in der Andenregion seit Jahrhunderten gegen Müdigkeit und Höheneffekte zusammen mit Pflanzenasche (Katalysator für den gewünschten Effekt) gekaut. Auch wenn sich jetzt jeder CSU’ler, der nie aus Bayern rausgekommen ist, vor Empörung am Kautabak verschluckt und direkt aus dem Bierzelt die Polizei rufen will2. Es ist sozusagen das Red Bull aus den Anden.

Um aus den Blättern das weiße Pulver zu extrahieren, sind ziemlich dreckige Prozesse mit Kerosin und Schwefelsäure notwendig. Coca-Tees, -Lutschpastillen, -Kaugummis und sogar Coca-Schokolade dagegen sind hier wie, sagen wir mal Eukalyptusbonbons gegen Husten, ganz natürlich und normal. Trotzdem ist die Einfuhr von Blättern und Pflanzen in die EU illegal, weshalb ich meinem Lieblingsanästhesisten in Mannheim leider nicht die bestellten Pflanzensamen mitbringen kann. Zumal ich über die USA zurück fliege: Bei einem schläfrigen Hamburger Zollbeamten hätte ich vielleicht noch wenigstens ’ne Packung Blätter in der Tasche vergessen können, aber in New York beim Stopover auf Breaking Bad zu machen ist mir dann doch ne Nummer zu heftig.

Der Unvermeidbare: Machu Picchu

Ausgeschlafen und einigermaßen erholt holten wir am nächsten Tag übrigens auf eigene Faust noch die Tour durch’s Sacred Valley nach. Ob das Inka-Agrarlabor von Moray oder die Felsenfestung von Ollantaytambo, wir hatten irgendwie übereinstimmend das Gefühl, die Sehenswürdigkeiten im Urubamba-Tal sind Marketing-technisch etwas unterrepräsentiert neben dem übermächtigen, allgegenwärtigen Machu Picchu. Und natürlich, wenn man schon mal da ist, macht man den auch noch gleich mit.

Inka-Agrarlabor: Die Kreise von Moray
Inka-Agrarlabor: Die Kreise von Moray (Dank an Ruben für das Foto)
Vor den Salinen in Maras
Vor den Salinen in Maras

Allerdings ist der Aufstieg auf den weltbekannten Berg außer mit der sündhaft teuren Inca Rail nicht an einem Tag von Cusco aus zu schaffen. Und wenn man gleich früh um sechs da hoch möchte, um noch ein paar Fotos ohne wuselnden Touristenteppich zu erhaschen, muss man eine Nacht in Aguas Calientes verbringen. Also, auschecken und sechs Stunden mit dem Bus (der Bus fährt mühsam und waghalsig über Bergpässe weiträumig außen rum, nur der Zug bedient den direkten Weg durch das Tal in anderthalb Stunden) bis Hidroelectrica. Von dort ist es dann ein entspannter Marsch zwölf Kilometer entlang der Bahnschienen und leicht bergauf bis „Aguas“. 

Als wir also nach diesem langen Transfertag auf dem Hauptplatz in Aguascalientes ankamen, verschwitzt, von Moskitos gestochen und doch immerhin gerade 12 km Wandern/6 h Bus in den Knochen, fühlten wir uns ein bisschen… irritiert. Welcome to Disneyland. Eben noch Indiana Jones standen wir jetzt auf dem Times Square von Macho Picchu Pueblo. Eine kitschige, überlebensgroße Inca-Häuptlingsstatue in der Mitte, drumherum Irish Pubs mit blinkender LED-Beleuchtung und Kobold-Fassade oder irrwitzigen Namen (“Rockstar-Pub”). Dass es keinen McDonald’s und keinen Starbucks dort gab, war alles. Hatte ich mich noch so gefragt, ob wir während der einen Übernachtung dort Internet haben würden, scrollte ich nun durch eine der längsten Wifi-Listen, die ich auf meinem Telefon je gesehen hatte. Nur eine Frage blieb uns unbeantwortet: Wenn es doch bis nach Aguas selbst keine Straße gibt, wie kommt dann das ganz Zeug da hin – inklusive der dutzenden Busse, welche die Touristen hoch auf den Berg karren. Alles mit dieser antiquierten (aber sehr schönen) Bimmelbahn, die da durchs Tal juckelt? Für sachliche Hinweise wäre der Autor sehr dankbar.

Jedenfalls, Bars gab es also genug. Nach Pisco Sour und Abendessen also hopp ins Bett, die Nacht war kurz. Wir fuhren also um 5:30 mit dem Bus hoch. Ja, wir waren faul, sind nicht schweißtreibend anderthalb Stunden hochgewandert, um die romantische Belohnung des Sonnenaufgangs…blah! Am Einlass waren wir noch vor den meisten, die da keuchend und nass oben ankamen. Da der Rest unserer Tourgruppe 7-Uhr-Tickets hatte, waren wir eine Stunde vor unserem Guide da. Und das war Gold wert. Eine Stunde (halbwegs) Ruhe und Muße zum Fotos schießen. Denn danach ist vorbei. Jede Stunde kippt man 700 weitere (!) Touris da oben ab und die geführte Tour läuft in etwa so: Kurze Erklärung, jetzt hier bitte alle schnell Fotos machen, und dann weiter, Platz für die nächsten machen.

Machu Picchu
Machu Picchu. Sehr früh, noch ohne Touristen überall.

Geht auch nicht anders, denn erstens sind da oben pro Tag jetzt schon doppelt so viele Besucher wie von der UNESCO empfohlen (und der neue, größere Flughafen ist schon im Bau3), und zweitens weiß man gar nicht so viel über Machu Picchu. Nicht einmal den richtigen Namen. Ist halt ne Inca-Stadt. Wurde dann geräumt, wegen Spaniern und so. Machu Picchu heißt einfach nur Alter Berg und ist eigentlich die Felskante im Rücken der ganzen Touri-Fotos. Huayna Picchu heißt dementsprechend Junger Berg und ist der runde Mooshügel mit Inca-Sternwarte, den man auf den Fotos hinter der Stadt immer so prominent sieht. That’s it. Viel mehr weiß man nicht. Schön isses trotzdem. Die ganzen bräsigen Instagram-Chicks, die sich da in ich-bin-eins-mit-dem-Spirit-und-der-Welt-Pose yogaisiert und künstlich nachdenklich an Felskanten drapieren, könnte man weglassen, aber geht schon. Runter sind wir schließlich gelaufen. Sabrina und ich gönnten uns den Zug zurück, wir hatten in Cusco noch den Nachtbus nach Arequipa zu bekommen. 

Arequipa hui, Puno pfui

Arequipa, die weiße Stadt, war die schönste Stadt, die wir in Peru gesehen haben. Entspannt, chillig, phantastische Restaurants und mit 2400 m gerade angenehm, sowohl zum Atmen als auch vom Klima. Da könnte man in einem der tiefsten/dem tiefsten Canyon der Welt (je nach Quelle) wieder hart wandern gehen (Colca Canyon). Wir haben uns nur einen Tag hinkarren lassen, reingeguckt und sind danach in Hot Springs baden gegangen. Oder man geht Alpacas streicheln, oder in eines der vielen Museen. Ach, die Stadt ist einfach herrlich unaufgeregt. Wir hatten leider zu wenig Zeit. Denn wir mussten weiter.

Arequipa
Das wunderschöne, entspannte Arequipa

In Puno machten wir einen Zwischenstopp am Titicacasee. Die Stadt ist ein Loch und die Floating Islands der Uros sind zwar lustig anzuschauen, aber ein einziger Touristennepp. Und da auf der Isla del Sol auf der bolivianischen Seite aktuell Nord- und Süddorf erbittert wegen des Tourismus verfeindet sind4, haben wir den höchsten schiffbaren See der Erde schnell links liegen gelassen und sind weiter nach Bolivien. Die zehn Tage dort waren in vielerlei Hinsicht spannend… Aber davon bald mehr. Hier, oder in der Tagesschau.

Im Titicacasee legen die Uros Inseln aus Schilf an
Im Titicacasee legen die Uros Inseln aus Schilf an

Notizen

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6henkrankheit
  2. https://www.welt.de/regionales/muenchen/article111782046/Siebtklaessler-kauen-im-Unterricht-Kokablaetter.html
  3. https://www.spiegel.de/reise/aktuell/machu-picchu-peru-baut-flughafen-nahe-machu-picchu-a-1267794.html
  4. https://www.nzz.ch/international/dynamit-gegen-nachbarn-ld.1384514

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