Zwischenwelten

Kann einen absolute Stille verrückt machen? Die Frage ist durchaus physikalisch ernst gemeint, und nicht nur im psychologischen oder gar esoterischen Sinn zu verstehen. Es gibt auf der Welt mehrere „Akustik-Kammern“, die so gut isoliert sind, dass kein Geräusch von außen eindringt und die innerhalb der Kammer erzeugten Schallwellen komplett von den Wänden absorbiert werden. Doch was passiert, wenn man sich dieser absoluten Stille aussetzt. Der Veritasium Youtube-Channel hat sich mit dieser Frage vor ein paar Jahren mal auseinander gesetzt1.

In dem Video mit dem passenden Titel „Can Silence Actually Drive You Crazy“ beschreibt der Host recht eindrücklich was passiert, wenn man eine Zeitlang in dieser akustischen Abgeschiedenheit verbringt: Zunächst einmal ist das Gefühl ungewohnt. Denn wann und wo herrscht schon absolute Stille? Selbst die Natur ist nachts im Wald erstaunlich laut. Anschließend rekalibrieren sich die Sinne. Auf einmal nimmt man Dinge war, die sonst im Rauschen untergehen. Die Atmung, den eigenen Herzschlag, schließlich sogar den Fluss des Blutes durch die Adern.

Auch wenn das nicht unbedingt gleich „verrückt“ macht, so ist eine solche Erfahrung sicherlich zumindest mal komisch. Mit einiger Wahrscheinlichkeit zunächst sogar unangenehm. So etwas Ähnliches passiert gerade um uns herum, bei vielen Menschen, in vielen Teilen der Gesellschaft, in vielen Ländern rund um die Welt. Im Mindesten aber auch bei mir. Es ist ein Stück weit so, als hätte jemand auf die Pause-Taste gedrückt und die große Mehrheit aller externen Reize einfach abgeschaltet.

Neue Seiten von Hamburg
Was man so macht I: Neue Seiten von Hamburg entdecken

Retreat oder Isolation

Einkehr, Besinnung, Retreat, Me-Time – das ist in unserer hyper-aufgeregten Welt und in vielen New-Age-Meditationsleitfäden ein durchweg positiv besetztes, erstrebenswertes Ziel. Quarantäne, Isolation, Social Distancing, Einsamkeit – das ist die gleiche Medaille, nur halt die andere Seite. Am Ende des Tages kommt es wieder vor allem auf eines an: Balance. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass viele Menschen in der aktuellen Stillekammer unserer Gesellschaft Schwierigkeiten haben, da für sich die richtige Balance zu finden und mit der Situation umzugehen.

Dabei gibt es ja nun auch nicht die eine Situation, in der wir uns alle befinden. Sicher, niemand kann aktuell im Straßencafé sitzen, niemand sollte sich mit mehr als einer weiteren Person auf die Alsterrunde begeben und wenn es euch so geht wie mir, dann ist der Anblick von Gesichtsmasken in Supermärkten und S-Bahnen etwas, was mich unweigerlich an Zombie-Filme erinnert. Aber es gibt die Leute, die ganz normal arbeiten müssen, für die sich wenig verändert hat. Im Gegenteil, für alle „Systemrelevanten“ ist der Stresslevel gerade wahrscheinlich noch deutlich höher. Und Ventile wie Feiern, das Fitnessstudio oder der Besuch bei der Familie am Wochenende fallen dann auch noch weg.

Im luftleeren Raum

Ich bin da eher auf der anderen Seite. Definitiv nicht „systemrelevant“, und habe auf einmal sehr viel Zeit. Und alle Muster, mit denen ich typischerweise meine freie Zeit genutzt habe, versagen mehr oder weniger. Dazu kommt, dass ich mich gerade auf vielerlei Ebenen in Zwischenwelten wiederfinde. Zwischen zwei Jobs, zwischen zwei Städten, zwischen einem Leben, das nicht mehr ist und einem Leben, das noch kommt. Und selbst die größte Anstrengung, jetzt etwas nach vorne zu bringen, produktiv zu sein und auf das Neue hinzuarbeiten, verpufft zu großen Teilen im luftleeren Raum. Denn es gibt einfach gerade nicht viel, was man tun kann.

Die Wahrheit ist, selbst wenn man das Glück hat, gerade nicht im Supermarkt an der Kasse zu sitzen oder auf der Intensivstation Patienten intubieren zu müssen, will sich das „Retreat-Feeling“ nicht so richtig einstellen. Das hat wahrscheinlich mit dem Gefühl der Solidarität zu tun, das man vor sich her trägt, wenn man sonst schon nicht irgendwie nützlich sein kann. Aber auch sicher mit der fehlenden Freiwilligkeit. Denn ausgesucht, auf sich selbst so brutal zurückgeworfen zu werden, hat sich das erstmal keiner.

Motorrad und Rennrad
Was man so macht II: Real auspowern und virtuell sozialisieren

Nach den zwei Wochen Quarantäne inklusive ausgefallenem Mexiko-Urlaub purzelte ich dann auch sogleich in weiteren Zwangsurlaub und anschließende Kurzarbeit. Wobei das ein krasser Euphemismus ist. Ich arbeite nämlich den ganzen Monat gar nicht. Immerhin – und dafür bin ich unfassbar dankbar – kriege ich dafür auch noch Geld und bin in der luxuriösen Position mir keine Sorgen machen zu müssen, ob ich am 1. Mai noch Miete zahlen kann.

Während die ersten zwei Wochen ein ziemlich strukturiertes „Abarbeiten“ von Dingen waren, die noch so liegen geblieben sind, hat sich in den vergangenen zwei Wochen etwas verändert. Die Tage sind ein bisschen blurry geworden, definitiv weniger strukturiert. Und die stark eingeschränkten Sozialkontakte zehren an der Substanz. Besonders dann, wenn man alleine wohnt, und die Personen, die man zu seiner Familie zählt, nun nicht unbedingt besuchen möchte. Lieber Isolation als potenziell lebenslange Vorwürfe!

Impressionen von der ersten Schwarzwaldtour (Danke, Robin!)

Was man so macht

So bleibt nichts anderes übrig, als auszuhalten und das Beste aus der Situation zu machen. Meine Projekte an der Stelle: Rennrad fahren, so oft es der Hintern zulässt. Wieder joggen gehen und das wunderbare Wetter genießen. Neue Seiten an Hamburg entdecken, wie zum Beispiel in den Harburger Bergen wandern gehen oder in den Boberger Dünen mit einem der seltenen Sozialkontakte einen Strandtag mit zwei Flaschen Wein verbringen. Oder aber das Motorrad anmelden und die erste Tour des Jahres durch den Schwarzwald machen (noch vor einem Monat wäre ich unsicher gewesen, ob ich die italienische Zicke dieses Jahr aus Zeitgründen überhaupt zugelassen kriege). Viel lesen, programmieren und sich mit Investment-Strategien auseinandersetzen (hey, whatever get’s you going!). Den Entsafter aus dem Keller holen und jeden Morgen frische Früchte trinken.

Cocktails
Was man so macht III: Cocktails

Und, aus der Kategorie „für was möchtest du fortan gerne bekannt sein“ mein neuestes Hobby: Cocktails. Da kann man sich ja erstaunlich tief reindrillen. Unter hartem finanziellen Einsatz wird die Hausbar bei jedem Einkauf weiter aufgestockt. In der Vorfreude darauf, dass ich, wenn die ganze Chose vorbei ist, auf endlos viele Cocktail-Abende mit endlos vielen lieben Menschen einladen werde. Frei nach dem Motto: If life gives you lemons, make lemonade! – Oder eben Margaritas, Whiskey Sour, Tequila Sunrise, Negroni…

Die Playlist zur Quarantäne

Notizen

  1. https://youtu.be/mXVGIb3bzHI

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Eine Antwort

  1. 25. Mai 2020

    […] etwas Neues gelernt, den Slow-Down als überraschend angenehm empfunden. Aber wie schon im April geschrieben, gibt es da ja auch immer die Kehrseite: Denn während es auf der einen Seite […]

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