Das Innen und das Außen

Schaut man dieser Tage in Hamburg auf die Straßen, gerade bei gutem Wetter, ist das Corona-Feeling wie verflogen. Die Straßen sind voll, Restaurants und Cafés haben wieder auf. Was für eine Freude, in der letzten Woche mit lieben Menschen endlich einmal wieder im Restaurant zu sitzen oder draußen ein Bier zu trinken (das man sich nicht in Teeny-Manier als Dose vorher im Penny organisiert hat).

Das gute Wetter genießen
Was man so macht I: Bei gutem Wetter am Alsterlauf in der Strandbar sitzen
Motorrad fahren im Schwarzwald
Was man so macht II: Noch mehr Schwarzwald

Dabei schwanken die Interpretationen der Regelungen doch gewaltig. Einzig die Flasche mit dem Desinfektionsmittel steht an jedem Eingang bereit. Schon bei der Liste zur Kontaktverfolgung wird das Ganze weit weniger konsistent und streng gehandhabt. Nunja, das ist ja auch Neuland und muss sich erstmal ein bisschen einrütteln. 

Jedenfalls spürt man die Energie jetzt endlich weiter machen zu können und zu wollen allenthalben. Die große Vorsicht wirkt zunehmend surreal. Menschen nehmen sich wieder in den Arm, wenn auch mit Vorsicht und zwei Zehntelsekunden Zweifel vor dem Kontakt. Die Isolation ist der Kleingruppe gewichen. Der eingeschränkte Kreis, mit dem man sich jetzt doch aber wieder öfter und ohne schlechtes Gewissen trifft. Corona-Krise ist woanders. 

Schnitzel essen in Mannheim
Was man so macht III: Schnitzel essen am Rhein In Mannheim
Tomaten pflanzen und Balkon aufhübschen
Was man so macht IV: Tomaten pflanzen und Balkonmöbel kaufen

Das Thema ist jetzt die Inventur: Was hat diese Zeit verändert. Das fängt meistens beim Blick auf die eigene Arbeit an. Wie geht es weiter? Wie lang bleiben die Menschen mit Schreibtischjobs jetzt noch im Home-Office? Wird es dieses Jahr überhaupt wieder normalen Bürobetrieb geben? Aber auch der Blick auf‘s eigene Leben ist nie weit: Was habe ich in der Zeit gemacht, gelernt? Wie gut bin ich durchgekommen?

Das Spektrum ist dabei sehr breit. Im Außen waren die Unterschiede von vorne herein deutlich zu sehen zwischen denen, die durcharbeiten mussten und im Zweifel deutlich mehr zu tun hatten und denen, die auf Kurzarbeit waren, oder im schlimmsten Fall sogar ihren Job verloren haben. Die Konsequenzen für das „Innen“ werden erst in den folgenden Wochen so richtig deutlich werden. Im besten Fall hat man Introspektive betrieben, etwas Neues gelernt, den Slow-Down als überraschend angenehm empfunden. Aber wie schon im April geschrieben, gibt es da ja auch immer die Kehrseite: Denn während es auf der einen Seite historisch wenige Verkehrstote zu beklagen gab1, wird die psychische Belastung durch die Isolation vielerorts zu Depression oder einem Anstieg häuslicher Gewalt geführt haben. 

Puzzeln
Was man so macht V: Puzzeln

Ich bewege mich irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Kein Homeschooling, kein Jobverlust, aber auch Unsicherheit, immer weiter verlängerte Kurzarbeit und das Gefühl, nicht so wirklich vom Fleck zu kommen. Ich habe keine drei weiteren Fremdsprachen gelernt, aber die allzu vorschnelle Aussage, mit der Zeit nichts angefangen zu haben, stimmt auch nicht. Viel war aufzuräumen, im Innen mehr als im Außen. Größtes Lernfeld: Man muss nicht immer produktiv sein, man muss nicht immer vorankommen. Oft ermöglicht erst das Stehenbleiben den größten Fortschritt.

Trotzdem, soziale Kontakte, Events, die Zukunft planen, ja sogar endlich wieder arbeiten zu gehen – ich freue mich, wenn das alles wieder losgeht.

Notizen

  1. http://www.tagesschau.de/inland/verkehrstote-121.html

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