Wohn-Haft in Stuttgart

Es ist der Elefant im Raum. Nein, eigentlich in meinem ganzen Leben der letzten zweieinhalb Jahre – bei etwas weiterer Betrachtung sogar der letzten vier. Stuttgart. Ich fühle mich bei der Verschriftlichung meiner Gedanken immer an die Rubrik Gestrandet bei Zeit Online erinnert1. So in etwa: „Sie wollten nie nach Stuttgart? Nun sind Sie nunmal da.“ Die Artikel beschäftigen sich in der Folge dann mit den Sehenswürdigkeiten und Eigenarten der jeweiligen Stadt. Typischerweise das, was man auf den zweiten Blick zu schätzen weiß. Doch in Stuttgart fühle ich mich auch nach dem dutzendsten Blick nicht wohl. Ich will hier weg. So sehr, dass es Eingang in meine (zugegeben sehr kleine) Liste von Lebenszielen der nahen Zukunft geschafft hat. Dabei habe ich in den vergangenen Jahren den Stuttgartern oft unrecht getan, indem ich pauschal über die Stadt und die regionale Mentalität hergezogen habe. Eine differenzierte Betrachtung bin ich also einfach schuldig.

Wenn es mir hier so überhaupt nicht passt, warum bin ich dann hier?

Wenn es mir hier so überhaupt nicht passt, warum bin ich dann hier? Diese Frage wurde mir zu Recht schon oft gestellt. Doch eine simple Antwort darauf fällt mir schwer und zeigt schon, dass die Landeshauptstadt, wie sie einen stolz auf jedem Ortsschild begrüßt, vielleicht gar nicht so viel dafür kann. Hamburg und Heidelberg waren die Stationen unmittelbar vor Stuttgart. Die Hansestadt ist Norden, martitime Schönheit, Heimat, Freunde und die grandiose norddeutsche Schnörkellosigkeit. Heidelberg ist Studentenstadt, so schön, dass selbst die Amis im zweiten Weltkrieg keine Bombe drauf werfen wollten und mit seiner kurzpfälzischen Geselligkeit so etwas wie mein kleines süddeutsches Exil. Aus Hamburg musste ich nochmal weg, auch wenn es keinen Ort gibt, an den ich lieber wieder ziehen möchte. Aber es musste einfach sein damals. Schon als der Abschied 2012 beschlossen war wusste ich, es würde nicht für immer sein. Als Exil für persönliche Weiterentwicklung und seelische Heilung hatte ich mir Heidelberg ausgesucht. Manchmal fühlte sich die Stadt wie ein Kokon an, eine Käseglocke, in der die Welt in Ordnung ist. Das war genau der richtige Ort zur richtigen Zeit. Viel Natur, wundervolle Abende in der Altstadt und am Neckar mit neuen und alten Freunden werden mir immer im Gedächtnis bleiben.

Wenn da nur nicht der Ehrgeiz gewesen wäre. Weiterentwicklung und Lernen sind meine Triebfedern und nachdem mir die Aussicht auf fünf Jahre vor-sich-hin-promovieren in der gemächlichen Geschwindigkeit des öffentlichen Dienstes am Heidelberger Uniklinikum nicht so unfassbar attraktiv erschien, war die Alternative schon parat. Ein MBA sollte es sein, der dann auch besser zu besser bezahlten Jobs in der Wirtschaft passt. Und weil ich bis dato nie auf universitäre Reputation geachtet hatte, doch bitte auch an der besten Business School Deutschlands – in Mannheim2. Es galt, einen passenden Job dazu zu finden. Ich war zu dem Zeitpunkt noch nicht bereit, wieder aus dem Süden wegzugehen, zum einen wegen der Beziehung, zum anderen war es einfach noch nicht so weit. Also wurden Unternehmen in der Region gescreent. Eine Beratung wäre es beinahe wieder geworden, auch auf Grund der wohnortlichen Flexibilität, die das so mit sich bringt. Aber mal ehrlich, nach 50-60 Stunden abends im Projekthotel noch die Bücher aufschlagen? Da kam ein schwäbischer Autobauer mit seinem Angebot eines international ausgerichteten Trainee-Programms und tariflich geregelter 35-Stunden Woche genau recht. Allerdings in Stuttgart, besser gesagt in Böblingen. Hm, naja, zunächst kann man die 130 km sicher pendeln, dann bin ich ja außerdem noch im Ausland und dann mal sehen.

Auf einer der verkehrsreichsten Routen des Landes kostete das Wochenendpendeln schon im ersten dreivierteljahr jegliche Nerven. Zusätzlich bestärkte mich meine Pendlerunterkunft in der schwäbischen Provinz noch darin, dass ich da nun wirklich nicht hin möchte. 2015 verbrachte ich fast ausschließlich im Ausland und nach der Rückkehr war nach langer Hin- und Herrechnerei klar, Heidelberg-Stuttgart als Pendler ist auf Dauer zeitlich nicht machbar, zumal die Partnerin mittlerweile auch nur noch am Wochenende dort war. Unter Tränen lösten wir also die Dachgeschosswohnung in der Neckarvilla auf und für mich ging es widerwillig doch nach Stuttgart Süd.

Immer die gleichen Themen, immer die Karriere, immer ein gewisses Maß an Verbissenheit.

Es ist wohl in jeder Stadt etwas anderes, ob man zum Studieren oder zum Arbeiten hinzieht. Dennoch habe ich eigentlich, auch durch das Trainee-Programm, viele tolle Leute kennen gelernt. Doch da wir alle ehrgeizig und im gleichen Unternehmen sind, geht es automatisch immer auch um die Arbeit. Und jetzt begebe ich mich natürlich stark ins Subjektive: In Suttgart geht es gefühlt immer nur um Arbeit. Wenn die Leute nicht im gleichen Unternehmen arbeiten, dann in einem der anderen beiden großen, oder eben bei einem der zahlreichen Zulieferer. Es ist alles (Automobil)Industrie. Immer die gleichen Themen, immer die Karriere, immer ein gewisses Maß an Verbissenheit. Und bei den Zugezogenen auch immer der Zusatz: Ich bin nur für den Job hier und geil finde ich es eigentlich auch nicht. Tatsächlich ist mir in vier Jahren nur ein Neigschmeckter3  begegnet, der gesagt hat „ja, ich find’s wirklich gut hier“.

Sprichwörtlichkeiten wie „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ oder „Ned geschompfa isch globt gnuag“

Die schwäbische Mentalität ist auch bekanntermaßen keine, die dich mit offenen Armen empfängt. Dort, wo Menschen ihre Verhaltensweisen mit Sprichwörtlichkeiten wie „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ oder „Ned geschompfa isch globt gnuag“4 erklären, ist von norddeutscher direkter Freundlichkeit oder kurpfälzischer Gemütlichkeit weit und breit keine Spur. Der Schwabe ist ein herzensguter Mensch – nur eben nicht gleich und nicht zu jedem. Familie ist wichtig und das zu Hause heilig, da hat man als entwurzelter Wirtschaftsflüchtling erstmal schweren Boden zu bestellen.

Dazu empfinde ich die Stadt selbst als unschön. Man vergleicht sich gerne mit München, sieht sich als süddeutsche Metropole. Das geht soweit, dass man auf die Cannstatter Wasen in bayrischer Lederhose geht. Stuttgart hat nur leider keinen Englischen Garten, sondern ist ein enger, völlig zugebauter Talkessel mit heillos verstopften Straßen, schlechter Luft und wenig Grün. Das größte Verbrechen und gleichzeitig die beste Zusammenfassung des Sachverhalts ist jedoch, wie die Stadt mit ihrem Gewässer umgeht: Der gleiche Fluss, der hundert Kilometer weiter die Ader eines mediterranen Lebensgefühls an den Neckarwiesen und integraler Bestandteil von Heidelbergs Zauberhaftigkeit ist, wird in Stuttgart zum Industriegewässer degradiert. Das Leben spielt sich hier nicht am Neckar ab, dafür stehen auch zu viele Werkshallen und Bundesstraßen direkt daneben.

Trotz des Asphaltinfarktes ist in der Automobilstadt ein Leben ohne eigenen Wagen schwierig. Zumal wenn man in Böblingen oder Sindelfingen arbeitet. Den Weg machen aus Stuttgart jeden Tag mehrere Tausend Menschen. Mit dem Auto. Denn one-way mit der S-Bahn zur Arbeit kostet 5,30 Euro als einfache Fahrt. Monatsticket 143 Euro. Arbeitgeberunterstützung irgendwo bei 10%, aber nur, wenn man gleich das Jahresabo nimmt. Was produzieren wir nochmal? Achja, Autos. All das wäre ja gar nicht so schlimm, wenn die nächstgelegene S-Bahn-Station von meinem Arbeitsplatz nicht 15 Minuten zu Fuß entfernt wäre. Das Werk da draußen ist groß, und wenn die Station auf der falschen Seite ist, lockt das Parkhaus direkt neben dem Bürogebäude auf einmal doch wieder sehr. Darüber hinaus kann man mit dem Monatsticket nicht viel anfangen: Die Innenstadt selbst ist größentechnisch überschaubar und wenn man regelmäßig in die zersiedelten Stadtteile am Kesselrand muss, sind die Öffis quasi keine Option mehr.

Dann wird sich die Argumentation auf einen sicheren, gut bezahlten Job, ein paar Tausend Euro Studienschulden und neun fehlende Monate bis zum Betriebsrenten­anspruch reduzieren.

Ich könnte weiter und weiter machen. Fakt ist: Die Stadt hat in meinem Augen nichts, was ich auch nur eine Sekunde vermissen würde5. Das mögen viele anders sehen, und das ist auch gut so. Aber will man nicht primär in einer Umgebung wohnen, in der man sich wohl fühlt? Gerade dann, wenn man meint durch Alter, Ausbildung und lebenssituativer Flexibilität die Wahl zu haben? Das ursprüngliche Ziel der beruflichen Perspektive ist nicht nur durch die Erfahrungen hier gänzlich in den Hintergrund gerückt, es hat sich als  komplett hohl herausgestellt. Bleibt noch das Studium. Der Abschluss ist in zwei Monaten gemacht. Die Freundin ließe sich hoffentlich einpacken und mitnehmen. Dann würde sich die Argumentation auf einen sicheren, gut bezahlten Job, ein paar Tausend Euro Studienschulden und neun fehlende Monate bis zum Betriebsrentenanspruch reduzieren. Und wenn mich die Zeit hier eines gelehrt hat, dann: Das kann nicht alles im Leben sein…

Anmerkung vom 07.06.2018:
Dass es einem mit und in Stuttgart auch ganz anders gehen kann, sogar wenn man vorher mal in Heidelberg gewohnt hat, zeigt recht überzeugt und ausführlich Jörg Armbruster in diesem Artikel auf Zeit Online.

Notizen

  1. https://www.zeit.de/serie/gestrandet-in
  2. Die auch noch den Vorteil eines guten Teilzeitangebots hat, da ich mir nicht leisten konnte und wollte, ein Jahr komplett aus dem Berufsleben auszuscheiden und Vollzeit zu studieren.
  3. Schwäbisch für Zugezogener
  4. „Nicht geschimpft ist genug gelobt“, meint: Man lobt nicht und Betroffener kann froh sein, nicht niedergemacht worden zu sein.
  5. Menschen, die mir in der Zeit hier lieb geworden sind, natürlich ausgenommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.