Hey 2020 – Läuft bei uns!

Eine Mischung aus Ruhe und surrealer Geschäftigkeit mit ein bisschen Sonne.
Viel Ruhe und etwas Sonne

Surreal. So fühlt es sich an, was gerade abgeht. Was wir gerade erleben, ist ohne Präzedenz. Mindestens mal für unsere Generation, die in ihrem Leben noch nie so weitreichende Einschränkungen erlebt hat. Für die bislang immer alles da war, immer alle Geschäfte offen hatten, Freiheit in Entscheidung und Bewegung im öffentlichen Raum niemals zur Disposition stand. Und auf einmal ist alles anders.

Dabei kommt es zumindest bei mir introspektiv erstmal zu einer… ja, surrealen Dissonanz. Zwischen dem, was in den Nachrichten vermeldet wird, den Maßnahmen, die beschlossen werden und dem realen Erleben, wenn man aus dem Fenster schaut oder einen Spaziergang (mit gebührendem Abstand von allen anderen) an der Alster macht. Die Endzeitstimmung mag sich nicht so richtig entfalten. Das ist wohl der Grund dafür, warum Menschen immer noch in Cafés zusammen sitzen und in Erwartung von noch drakonischeren Einschränkungen des öffentlichen Lebens (Ausgangssperren) raus gehen, um noch ein paar Sonnenstrahlen zu erheischen.

Den Fokus auf das Wesentliche

In all dem mag aber auch eine Chance liegen. Dass nämlich das öffentliche Leben trotz aller Umstände zwar pausiert, aber nicht in Panik und Kopflosigkeit umschlägt. Und dass die Gesellschaft auf einmal wieder ungeahnte Solidarität entdeckt. Es ist, wie Giovanni di Lorenzo schreibt1, die Krise „bringt das Beste und das Schlechteste in uns hervor“. Nun würde ich mich nicht unbedingt als hemmungslosen Optimisten bezeichnen, aber aktuell habe ich den Eindruck, dass zumindest das „Bessere“ die Oberhand behält.

In einer Situation von so globalem Ausmaß werden Schwächen schonungslos deutlich, kollektiv wie individuell. Wie zum Beispiel die europäischen Staaten darin versagen, ein abgestimmtes Vorgehen zu Erarbeiten, Grenzen geschlossen werden, unilateral beschlossene nationale Abschottung als das Mittel der Stunde gesehen wird. Aber auch wie auf einmal Leute unsolidarisch große Mengen Klopapier aus den Supermärkten nach Hause hamstern (warum eigentlich Klopapier? Durchfall ist nicht einmal ein Symptom von COVID-19!). Und dass der Populimus weltweit noch dümmer als sonst dasteht, von der inkompetenten Toupet-Orange in den USA bis hin zu unseren AfD-Nazis, von denen in den vergangenen Tagen nicht eine einzige hilfreiche Aussage zu vernehmen war, ist auch durchaus eine interessante Erkenntnis, die hoffentlich nachhaltige Effekte hinterlässt.

Auf einmal hören Leute wieder auf die Wissenschaft, ja sehnen sich geradezu nach Faktualität in den doch sonst so postfaktischen Zeiten. Und wo sonst der Markt und das Wachstum den Ton angeben, sind sich alle einig, harte Einschnitte hinzunehmen um die schwächsten und gefährdetsten Mitglieder der Gesellschaft zu schützen. Das ist doch eigentlich eine gute Erkenntnis. Ich bin davon überzeugt, dass aus dieser Situation nachhaltig positive Veränderungen erwachsen können. Für die Arbeitswelt, weil auf einmal viele gezwungen sind, sich mit modernen, digitalen Methoden auseinander zu setzen und Home-Office auf einmal nicht mehr das vermeintliche „Goodie“ ist, sondern das neue Normal. Für die sogenannten systemrelevanten Berufe in Gesundheit und öffentlicher Ordnung, die durch die neoliberale Agenda der vergangenen Jahr(zehnt)e komplett auf Kante genäht sind und jetzt hoffentlich nachhaltig eine größere Wertschätzung erfahren werden. Und für den Staat und das Gemeinwesen als Ganzes. Denn ganz so nutz- und hilflos scheint das alles gar nicht zu sein, was hier gerade passiert. Man erlebt Politik erstaunlich pragmatisch und scheint auf einmal wieder sehr froh zu sein, dass es staatliche Strukturen gibt, die bisweilen sehr gut dazu in der Lage zu sein scheinen, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.

Trotzdem sind es wahrscheinlich die Wenigsten, die jetzt zu Hause sitzen und sich denken „geil, zwei bis drei Wochen zu Hause, endlich mal zehn Bücher lesen und jeden Tag drei Stunden meditieren“. Trifft auf mich auch nicht zu. Wer Kinder zu Hause hat, um die er sich im Home-Office kümmern muss und dabei auch noch mit den Versäumnissen des deutschen Bildungssystems in Sachen Digitalisierung und e-Learning konfrontiert ist, der verdient Respekt und dem wünsche ich Durchhaltevermögen. Alle älteren Mitbürger, die besonders gefährdet sind und jetzt in abgeriegelten Heimen sitzen oder alleine zu Hause keinerlei Besuch von Enkeln und Familie bekommen können, denen wünsche ich das Allerbeste und viel Kraft.

Passt ins Jahr

Und für mich persönlich? 2020 läuft ja so richtig. Nicht. Nachdem die Frau, mit der ich gerne signifikante Anteile meiner Zukunft verbracht hätte, im Urlaub mit einem anderen durchgebrannt ist, war eigentlich mein Plan gewesen, seit gestern mit einem Margarita in Mexiko am Strand zu liegen – neue Erinnerungen und Urlaubsfotos, die man sich ohne Stiche in der Brust angucken kann. Das hat natürlich nicht geklappt.

Überhaupt ist die Situation spannend: Nachdem ich vorletzte Woche Ski fahren war, bin ich letzten Freitag nach der Aktualisierung der Risikogebieteliste relativ abrupt nach Hause geschickt worden. Meine letzten Arbeitstage in Hamburg inklusive des Abschieds fanden also auch schon nur noch virtuell statt. Nun habe ich zwei Wochen Urlaub – super Timing. Aber scheinbar übt sich auch mein neuer/alter Arbeitgeber in Stuttgart in Solidarität, die Kollegen gehen nämlich ab Montag auch in Zwangsurlaub. Wäre echt nicht nötig gewesen 🙂 Interessant wird natürlich, was das für meinen Beschäftigungsbeginn am 01.04. heißt. Und ob der überhaupt stattfindet.

Auch wenn es schwer fällt, aber ich glaube, in der aktuellen Situation helfen nur Regelmäßigkeiten und Projekte, um die intrinsische Motivation hochzuhalten. Morgens pünktlich aufstehen. Ganz wichtig: Eine Hose anziehen. Endlich mal den Python-Kurs fertig machen. Wirklich mal mehr lesen. Meine Gitarre habe ich immerhin nach drei Jahren aktuell wieder jeden Tag in der Hand. Das ist doch schonmal was!

Playlist zur aktuellen Quarantäne-Situation.
Die aktuelle Playlist – Quasi der Soundtrack zur Quarantäne

Notizen

  1. https://www.zeit.de/2020/13/coronavirus-gesellschaft-ausnahmezustand-menschlichkeit-hilfsbereitschaft-populismus

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