Balance

Am Ende ist es egal, ob es die Stoiker sind, die Mystiker, die Esoteriker, die Philosophen, oder die Jungs von Good Fucking Design Advice1, es geht immer nur um eines: Balance. Das klingt erstmal luftig, ein bisschen schwurbelig, wenig aussagend. Aber es stimmt.

Find Balance
Management Summary. Quelle: https://gfda.co/

Wenn man erst einmal anfängt, darüber nachzudenken, dann ist das Thema überall. In unserem dysfunktionalen Wirtschaftssystem2 mit seinen Übertreibungen und Ungerechtigkeiten, in allen Diskussionen um die Pandemie und Maßnahmen zu deren Bekämpfung, sogar wortwörtlich in allem, was uns so zum Thema Work-Life einfällt. Doch wahrscheinlich scheitert man an den großen Fragen krachend, wenn man die Balance im Kleinen, für sich selbst, nicht hat.

Hamburg, du Perle
Draußen bei schönem Wetter. Das ist auf der Liste der Energiespender eher so der No-Brainer.
Quack
Ein Mix aus Natur, Bewegung und Chillen ist auch immer gut.

Wie komme ich eigentlich darauf? Es fing eigentlich mit einem anderen Substantiv an, das sowohl physikalisch als auch metaphysisch verstanden werden kann: der Energie. Bei Methodisch Inkorrekt stellten sie neulich ein Paper vor, in dem Unterschiede im Schlafverhalten von Menschen untersucht wurden. Das entscheidende Kriterium war die Wahrnehmung der Probanden, ob „Energie“, was auch immer das sein möge, eine sich über den Tage verbrauchende Ressource ist3. Danach begegnete mir das Thema immer wieder. In der Ausnahmesituation der letzten Monate war es ein bisschen wie unter einem Brennglas: Unter eigentlich immer gleichen (reizarmen) äußeren Umständen war man ziemlich auf sich selbst zurückgeworfen. Das bot die Chance doch mal ausführlicher in sich reinzuhorchen.

Erkenntnis: Energie ist ein krass bestimmendes Thema. Und man kann noch so strukturiert, noch so durchgeplant sein, wenn sie fehlt, ist der Tag im Wesentlichen im Arsch. Aber vielleicht strukturiert und plant man auch einfach an seiner eigenen Energie vorbei? Vielleicht geht man manche Sachen einfach nicht gemäß dem eigenen Energiehaushalt, ergo, den eigenen Bedürfnissen gerecht an? Aha, also ist das Thema doch auch wieder Achtsamkeit. Und, surprise, schwupps ist man beim Thema Balance.

Mach kaputt
Ein Vorschlaghammer ist manchmal „all the therapy you need“

Denn die nächste Frage ist doch unweigerlich: Was gibt einem eigentlich Energie? Und was zehrt von ihr. Ich habe festgestellt, wie erstaunlich komplex und schwierig zu beantworten die Frage ist. Es ist nämlich keineswegs so, dass alles, was Spaß macht und das man gerne tut, Energie gibt. Und alle Dinge, die lästig und anstrengend sind, Energie rauben. Die Übung, eine Liste aufzustellen und diese Dinge mal gegenüberzustellen, war erstaunlich schwer. Einige Beispiele gefällig: Arbeiten an sinnvollen Dingen (Shout-out an alle Power-Point-Ninjas da draußen) oder sich beim Sport komplett „auszupowern“ (sic!) sind für mich unfassbar energetisierend. Motorrad fahren liebe ich, empfinde ich allerdings als komplett anstrengend und zehrend. Einige der mir liebsten Menschen kosten extrem viel Energie. Verwirrend.

Aus der einfachen Summenbetrachtung der Energiebilanz ist also erstmal per se nichts zu holen. Die Ducati verkaufen ist nun wirklich keine Option! Obwohl man mit einer Bilanz eigentlich schon recht nah dran ist: Denn ratet, woher das Wort kommt. Die Seiten einer Bilanz sind immer ausgeglichen. Also scheint die Königsdisziplin, auf die beiden Seiten und deren Balance zu achten. Wäre beispielsweise EY bei Wirecard auch etwas achtsamer gewesen, wäre auch hier nicht die Bilanz-Balance um 1,9 Mrd. gekippt – aber das ist ja nun auch wieder ein ganz anderes Thema.

Ja klar, jeden Morgen Meditation, Yoga, Journaling, generell Verganismus und das jährliche Schweige-Retreat in Sri Lanka helfen da sicher. Aber fuck, ich bin doch kein Instagram-Chick. Manches davon kann man sicherlich nutzen (Journal – sehr zu empfehlen), aber hin und wieder ist es für die Balance auch einfach mal ganz gut, drei Gin-Tonic zu viel zu trinken und sich die Pizza Bacon-Barbeque zu bestellen, während man vier Stunden am Stück FIFA zockt.

Hygge
Die Dänen haben’s mit ihrem „Hygge“ schon ganz gut verstanden.
Carlsberg
In dem Zusammenhang kann man ihnen auch nachsehen, wenn sie von Carlsberg als bestem Bier der Welt reden. Probably.

Auch wenn das alles furchtbar nach Glückskeksweißheit klingt, scheinen erstaunlich viele Menschen damit jeden Tag auf’s Neue Probleme zu haben. Weil sie sich zu viel zumuten, zu viel oder das für sie Falsche wollen, oder einfach den Filter für alles das, was auf sie von außen einschlägt, nicht scharf genug schalten. Die schlechte Nachricht für Ungeduldige wie mich: Das zu lernen ist ein Prozess, und er ist anstrengend. Aber an der Stelle danke für die Unterstützung, vor allem an S., die mit fast schon therapeutischer Sorgfalt, Geduld, Positivität und mit bestem Rat zur Seite steht.

Also, bevor ich Bundeskanzler werde (ich überleg‘ nochmal, ob lieber in Deutschland oder Österreich), gehe ich jetzt erstmal zum Sport, dann ohne Alkohol ins Bett und mache morgen früh vor der Arbeit Yoga. Vielleicht habe ich auch einfach noch eine Flasche Martini im Kühlschrank und bestell‘ Pizza. Ich horche mal in mich hinein, was davon ich gerade brauche…

Ach und P.S.: Werder ist nicht abgestiegen. Die Leistung war zwar wirklich nicht zum Feiern, aber manchmal braucht es ein dreckiges Tor, um die Aufholjagd zu starten.

Playlist
Diesmal ist auch die Playlist ganz gut balanciert: Fängt an verwirrt und turbulent, wird kurz melancholisch und haut zum Ende nochmal richtig einen raus.

Notizen

  1. https://gfda.co/
  2. https://nymag.com/intelligencer/2020/07/a-hate-crime-against-future-generations.html
  3. https://minkorrekt.de/minkorrekt-folge-165-garten-und-landschaftsheiler/

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