Bye Bye Benz

Gestern habe ich nach fünfeinhalb Jahren und knapp einhundertachttausend Kilometern auf dem Fahrersitz mein Auto verkauft. Das beste, zuverlässigste Auto der Welt. Bye bye, Benz. Abschied vom C200 CDI Sportcoupé.

Ich will nicht soweit gehen zu sagen, dass es einen allegorischen Bogen spannt zu meinem Abschied von Mercedes-Benz als Arbeitgeber, Stuttgart und Schwaben. Die Gründe sind weitaus profaner. Aber dennoch spiegelt die Entscheidung, mich von meinem treuen Begleiter zu trennen, doch eben auch veränderte Lebensumstände wider.

Der C200
Der „Ecktyp“

Stuttgart – Hamburg 4:45

Der Anwendungsfall, ständig quer durch Deutschland zu fahren, 700 km am Stück in 4:45 Stunden, ohne Pause, ohne Tanken, den gibt es einfach nicht mehr. Und dafür war der Wagen einfach ein Schätzchen. 122 ruppige Diesel-PS waren zwar kein Motorsport, aber ausreichend, um den Tacho entspannt bei 190 zu setzen und nie mehr als 7,5 Liter zu verbrauchen. Dabei hat das satte Fahrwerk noch jede rumpelige A-Klasse aus letztem Jahr in den Schatten gestellt.

Morgens beim Kaltstart klang er zwar wie ein LKW, aber auf der Autobahn war es dann gleiten. Und nicht selten bin ich irgendwann um 4:00 Uhr am einen Ende Deutschlands eingestiegen und war pünktlich zum Frühstück am anderen Ende angekommen. Entspannt und ohne jegliche Rückenbeschwerden. Ein Mercedes halt.

Er hatte ein bisschen ein Imageproblem in den letzten Jahren: Als Euro-4-Diesel durfte ich damit in ganz Stuttgart (und zwei Straßen in Hamburg) seit 2019 gar nicht mehr fahren. Wegen der Stickoxide (und der Schwarz-Grünen Wirtschaftsförderung zum Kauf neuer Autos). Aber aus tiefster Überzeugung kann ich sagen: Unter Klimaschutz-Aspekten das mit Abstand beste Auto, das ich fahren konnte: Über zweihunderttausend Kilometer auf der Uhr, also rohstoff- und produktionstechnisch schon lange amortisiert, und immer unterwegs für nur ein paar Literchen Diesel, oft voll besetzt mit BlaBlaCar-Mitfahrern. Ein CO2-Traum.

Teurer Luxus eigentlich

Nur die Lebenssituation eben: In 2021 hatte ich bislang sage und schreibe drei Mal getankt. Und es ist Mai! Dafür hat der Umzug nach Hamburg die eh schon bescheuerte Typeneinstufung1 bei der Versicherung um die zweitmieseste Regionalklasse (nach Berlin) ergänzt. Zusammen mit den hohen Steuern auf einen Selbstzünder war ich auf einmal bei über tausend Euro im Jahr, ohne einen Kilometer gefahren zu sein. Und wir reden von einem 14 Jahre alten Wagen und bestimmt nicht von Vollkasko.

Na klar, es ist die Convenience, jederzeit in sein Auto steigen zu können. Und aus finanziellen Nöten habe ich ihn bestimmt nicht verkauft. Aber der Hauptgrund ist überraschend und einfach: Ich lebe im 21. Jahrhundert inmitten einer Millionenstadt – ich brauche hier kein Auto. Das U-Bahn-Netz ist fantastisch und ich kann aus vier Carsharing-Anbietern auswählen. Plus Elektro-Roller, Scooter, Bike-Sharing und ach ja, die meisten Strecken mache ich sowieso mit dem eigenen Fahrrad. Das hält ja auch fit.

Im Gegenteil zur Bequemlichkeit stand eigentlich immer der Gedanke, der schon beim Einsteigen Sorgenfalten bereitete, wenn man doch mal das Auto genommen hat: Kriege ich an meinem Zielort überhaupt einen Parkplatz?

An den Arsch musste ich mich erst gewöhnen.

Mittlerweile lieber ICE

Beruflich ist es mittlerweile hauptsächlich München oder Mannheim, wenn Corona denn mal vorbei sein sollte. Da ist der ICE schwer zu schlagen. Und man kann die Zeit nutzen zum Lesen, Arbeiten, aus dem Fenster gucken. Na klar, nach Ostfriesland dauert es mit der Bimmelbahn länger. Und gerade aus der Ecke kam bislang das größte Unverständnis, allein ob der Idee: Wie? Kein Auto? Wenn du’s dir leisten kannst, warum denn nicht? Braucht man doch.

Die Antwort ist einfach: Nein. Braucht man nicht. Und wenn ich wirklich keinen Bock auf die Nordwestbahn habe, kann ich mir für die gesparten Fixkosten ganz schön viele Wochenenden einen Mietwagen nehmen. Der ist dann auch nicht alt und nicht meiner und könnte mich auch nicht mit viel Pech doch mal ne größere Reparatur kosten.

Wehmütig bin ich trotzdem. Der von den Stuttgarter Kollegen liebevoll „203 Ecktyp“ genannte Wagen (dabei war er das gar nicht, er hatte immerhin ein Panorama-Schiebedach) wird mir fehlen. Ich weiß nicht, ob es an meinen sehr wenigen familiären Banden liegt oder an meinem sentimentalen Wesen ganz allgemein, aber man hat halt viel zusammen mitgemacht, viele Orte gesehen und wurde niemals im Stich gelassen. Von diesem Auto.

Mit 18 hieß es Freiheit

Mein knallroter Lupo bedeutete damals mit 18 in Ostfriesland Freiheit. Ein eigenes KFZ war (und ist) der Schlüssel zur Unabhängigkeit in infrastrukturschwachen Gegenden. Die erste automobile Liebe sozusagen. Ich hätte nie gedacht, dass da auf emotionaler Ebene noch einmal etwas ran kommt. Und dass, obwohl ich die Heckpartie des Sportcoupés anfangs ziemlich hässlich fand. Es sollte in 2015 eigentlich nur eine Übergangslösung für die Langstrecke sein. Liebe auf den zweiten Blick. Passt also doch irgendwie zu Stuttgart, zu Mercedes, zu Schwaben…

Ein letzter Blick…

Jetzt wird der Benz das erste Auto eines 18-jährigen Abiturienten werden. Der Papa, der es mir abgekauft hat, war sich ziemlich sicher, das wird eine Riesenfreude für den jungen Mann. Und ich fühle mich gut in der Gewissheit, dass „mein“ C200 für jemand anders nochmal eine „erste Liebe“ sein kann. Mit neuen Freiheiten und Erlebnissen. Das macht mich auf eine ganz drollige Art zufrieden. Viel besser, als dieses treue Stück Stahl dem nächsten Hinterhofhändler mit den nervigen „Wir kaufen dein Auto“-Visitenkarten nachzuschmeißen. 

Irgendwie findet meine links-grün-versiffte Seele den Gedanken gut, in der Stadt kein Auto zu haben. Das heißt nicht, dass sich in der Zukunft nicht doch auch wieder die Lebensumstände ändern können. Vielleicht sind wir dann ja schon weit, dass es ein vollelektrisches Auto sein wird. Oder doch nochmal irgendwann ein Camper-Van? Bis dahin greife ich auf Carsharing und Mietwagen zurück, immer dann, wenn es mich nach motorisierter Individualmobilität dürstet. Oder eben auf eine mattschwarze Ducati…

Die Playlist

Notizen

  1. Coupés wird wohl im allgemeinen Sportlichkeit unterstellt, und die ist teuer

3 Kommentare zu „Bye Bye Benz“

  1. Sehr schöner Artikel Daniel! Die Ducati bleibt dir ja noch! „Kein Benz“ von Cro würde auch noch gut auf die Playlist passen Viele Grüße

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