Du hast Angst vor den Griechen

Anfang Oktober verbrachte ich eine Woche im Urlaub auf Kreta. In 2020 sicherlich ein echtes Highlight, zumal ansonsten die Reisemöglichkeiten sehr eingeschränkt waren und ich wohl noch nie so viel Zeit zu Hause verbracht habe wie in diesem Jahr. Es gab Sonne, Bewegung, ein bisschen Strand und gutes Essen. Richtiger Urlaub eben. Aber eine Sache fiel mir immer wieder auf, sowohl bei meinem Mitreisenden als auch bei anderen – typischerweise deutschen – Touristen: Die Nachwirkungen der so genannten Griechelandkrise, die sich offenbar in den Köpfen unserer Landsleute immer noch allenthalben manifestieren. Abfällige Aussagen über die maroden Staatsfinanzen und die angebliche Unfähigkeit mit Geld zu haushalten gehören anscheinend immer noch ganz selbstverständlich zum nicht ganz so subtilen Unterton. „Schöne Straße hier, hab‘ ich die bezahlt?“

Solche oder ähnliche Aussagen sind mir in den vergangenen Jahren immer wieder begegnet. Meistens bar jeder Faktenkenntnis, unterstützt von einer Medienöffentlichkeit, die mit ihrer auflagenstärksten Publikation dafür bekannt ist, komplexe Materie auf fett gesetzte Überschriften zu simplifizieren. Das habe ich zum Anlass genommen mir einmal anzuschauen, was eigentlich wirklich passiert ist in den letzten gut zehn Jahren. Und auch wenn die Ereignisse im Detail als Rohmaterial für unzählige Dissertationen der Volkswirtschaftslehre reichen, versuche ich hier lediglich „kurz“ zusammen zu fassen. Denn im Wesentlichen muss man sich drei Fragen stellen:

  • Wie konnte es dazu kommen?
  • Was ist eigentlich wirklich passiert? – Übersetzt mit der allgegenwärtigen Frage: Wie viel Geld haben „wir“ denn eigentlich nach Griechenland überwiesen?
  • Welche Auswirkungen hatte das für Deutschland und die EU? Bis heute? In der Zukunft?
Knossos
Griechische Staatsfinanzen. Symbolbild.

Wie konnte es dazu kommen?

Wahrscheinlich kann man hier sehr früh ansetzen, muss es aber mindestens 2001 tun, als Griechenland der Eurozone beitrat. Und das mit einem Schuldenstand von 104,9% des Bruttoinlandsproduktes (BIP)1. Nun sind Staatsschulden in einem kapitalistischen System nichts Unübliches, Italien hatte damals auch eine Schuldenquote von etwa 105%2, und sogar Deutschland lag bei 60%3. Bei Griechenland allerdings kamen zwei Faktoren hinzu, die schon damals den Schuldenstand mit einem Stirnrunzeln haben betrachten lassen.

Zunächst einmal konnte man ohne wahnsinnig viel Böswilligkeit davon ausgehen, dass die Schuldenquote mit allerlei statistischen Tricks geschönt worden war. Da drückte man doch mehr als ein Auge zu, denn der Beitritt der Griechen zum Euro war vor allem auch politisch gewollt. Immerhin war die gemeinsame Währung ein historisches Einheitsprojekt in Europa. Was das aber auch hieß war: Griechenland gab damit seine eigene Währung, die Drachme, auf. Um zu verstehen, warum das ein so großes Problem war, und warum uns die Diskussion unter dem Namen „Eurobonds“ bis heute begegnet, muss man verstehen, wie die Mechanik zur Staatsfinanzierung funktioniert.

Staatsfinanzierung

Um Geld für Investitionen und den Staatshaushalt zu erhalten, nimmt der Staat Steuern ein. Da aber im Kapitalismus immer die Erwartung von Wachstum zu Grunde gelegt wird, sind es nicht nur die Steuern, die den Haushalt finanzieren, sondern auch Kredit. Dabei ist Kredit nichts anderes als Vertrauen. Nämlich darauf, dass mit dem geliehenen Geld zusätzliches Wirtschaftswachstum geschaffen wird, also die Wirtschaft morgen größer ist als heute, somit die Steuereinnahmen höher, weshalb es dann auch leichter ist, das geliehene Geld zurück zu zahlen – inklusive Zinsen. So funktioniert das auch, wenn ein Unternehmen einen Kredit aufnimmt, um eine zusätzliche Lagerhalle zu bauen, also zu wachsen. Deshalb hat auch fast jedes Land (auch Deutschland) Staatsschulden, und das ist per se erstmal nichts Schlechtes. Denn durch den Kredit kann man heute bereits Geld ausgeben, das man erst morgen verdient. Eine dauerhafte schwarze Null ist also löblich für die schwäbische Hausfrau, aber wenn sie zusätzlich noch einen Kredit aufnehmen würde, könnte sie sich einen Spätzle-Foodtruck kaufen und schneller mehr Geld verdienen. Also wachsen.

Um Geld zu beschaffen, geben Staaten Staatsanleihen aus. Das sind nichts anderes als Schuldverschreibungen am Finanzmarkt, die dann von Banken oder anderen Staaten gekauft werden. Wertpapiere eben. „Du leihst mir eine Milliarde Euro auf 10 Jahre und ich zahle dir 3% Zinsen pro Jahr“. Wobei der letzte Teil, die Zinsen, davon abhängt, für wie wahrscheinlich es der Gläubiger hält, dass der Schuldner das Geld auch wirklich zurück zahlen wird: Wenn du ein Schulabbrecher mit einem Audi A8 bist, von dem ich weiß, dass er bei der Sparkasse kein Geld mehr kriegt, dann will ich hohe Zinsen wenn ich dir Geld leihe, denn ich schätze das Risiko hoch ein, das Geld nicht zurück zu bekommen. Wenn du Beamter auf Lebenszeit mit abbezahltem Eigenheim und Lebensversicherung bist, dann orientiert sich meine Zinsforderung typischerweise an anderen „risikoarmen“ Anlagen bzw. dem Leitzins der Zentralbanken. Ein solides EU-Land aus dem europäischen Süden zahlt demnach vielleicht ein bisschen mehr Zinsen auf seine Schulden als die Nation der schwäbischen Hausfrauen, aber es ist eben immer noch ein solides EU-Land und kein Schulabbrecher mit Audi A8.

Währungen allerdings sind dabei ein wichtiges Steuerungsinstrument. Denn wenn die Wirtschaft nicht läuft, kann ein Staat mehr Geld „drucken“, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das wirkt an der Stelle zweierlei: Erstens kann der Staat mehr Geld in den heimischen Wirtschaftskreislauf einbringen, und zweitens wertet die eigene Währung im Vergleich zu anderen Währungen ab. Das wiederum heißt, das die exportierten Produkte auf dem Weltmarkt günstiger werden, importierte Produkte dagegen teurer. Und wenn griechisches Olivenöl auf einmal viel billiger ist als das italienische, dann kauft Else aus Reutlingen eher das – ist doch klar! Und die Griechen verkaufen wieder mehr.

Was passiert nun aber, wenn man keine eigene Währung mehr hat, sondern sich mit (aktuell) 194 Ländern einen Euro teilt? Also auch mit 19 verschiedenen Volkswirtschaften. Da kann ein Staat in einer wirtschaftlich holprigen Zeit natürlich mehr Schulden aufnehmen (denn trotz der gemeinsamen Währung gibt jedes Land am Kapitalmarkt immer noch seine eigenen Staatsanleihen aus), aber die Sache mit dem Abwerten der Währung und dem günstigeren Olivenöl, das klappt nicht mehr. Nun nimmt also Griechenland mehr Schulden auf, hat aber nicht mehr den Währungshebel, um das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen. Sieht also nicht gut aus für die griechischen Staatsfinanzen. Als Investor nehme ich dann doch lieber deutsche Staatsanleihen, die sind sicherer! So denken viele Investoren, weshalb die Griechen hohe Zinsen zahlen müssen, um sich überhaupt noch Geld zu leihen. Aber die müssen ja auch irgendwann wieder zurückgezahlt werden…

Von der Finanzkrise zur Währungskrise

Wir schreiben 2007. Die Weltwirtschaft hat gerade ziemlich Party gefeiert, vor allem die Banken, und vor allem am amerikanischen Immobilienmarkt. Jeder hat Kredite für Häuser bekommen, auch der mit dem A8, die Preise kannten ja nur eine Richtung: nach oben. Risikoprüfung ist was für Spießer und Schwaben. Doch allmählich wurde klar, dass viele ihre Kredite nicht werden zurückzahlen können. Und auf einmal haben die Banken ein Problem. Denn wenn die Kunden das geliehene Geld nicht zurückzahlen können, kommen auch sie in Schieflage. Manche würden sogar kentern (kennt noch jemand Lehman Brothers?). Aber keine Sorge, die meisten nicht. Der Staat ist ja da. Und der Steuerzahler. Die meisten Banken sind „systemrelevant“ oder „too big to fail“, also werden sie rausgehauen. Das Geld, um Banken zu retten, muss aber irgendwo her kommen. Und wo kriegt der Staat nochmal Geld her? Siehe oben.

Auch wenn die Finanzkrise als Hypothekenkrise in den USA gestartet war, ist die Welt- und vor allem die Finanzwirtschaft mittlerweile so globalisiert, dass sich daraus eine handfeste Weltwirtschaftskrise entwickelte. Selbst in Deutschland wurden auf einmal Banken teilverstaatlicht5, um sie vor der Pleite zu bewahren. Teilverstaatlicht heißt in dem Fall nichts anderes als: You f**ked up, we promise to pay for your f**k-up! Das läuft im umgekehrten Fall eher nicht so, kein Banker würde für das Gemeinwohl auf einen Bonus verzichten. Das nennt sich dann soziale Marktwirtschaft: Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert.

Nun haben wir also eine Wirtschaftskrise. Und da Griechenland eh schon nicht so das Powerhouse des europäischen Binnenmarktes war, tut die Krise in Athen natürlich besonders weh: Das Bankenrettungsprogramm der Regierung Karamanlis katapultiert die Schuldenquote von 107,2% des BIP in 2007 auf 129,7% in 20096. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie viel Prozent des BIP ist noch ok, wann wird es kritisch? Das hängt (ganz ähnlich wie bei Unternehmen auch) von vielen Faktoren ab, aber vor allem von den Zukunftserwartungen: Wie stark wird die Wirtschaft wachsen, um von dem Geld dann die Schulden zu bedienen? Wie gut wird sich der Staat bis dahin refinanzieren können? Zukunftserwartungen ist also wieder ein Synonym für Vertrauen. Und das hatte Griechenland verspielt. Da half auch nicht, dass die Daten für die Neuverschuldung nur für 2009 nachträglich von 3,7% auf 12,7% des BIP revidiert worden waren7 8. Im Maastricht-Vertrag9 hatten sich die EU-Staaten noch auf maximal 3% pro Jahr geeinigt. Auch das keine wissenschaftlich sinnvolle Grenze, sondern eher so ein Daumenmaß für „solides“ wirtschaften. Allerdings hält sich da mittlerweile eh keiner mehr dran, schon gar nicht in Zeiten von Corona. Aber damals bedeutete es noch was10, vor allem für die Finanzmärkte.

Katze
Fauler Grieche.

Geld über der Akropolis abwerfen

2010 war es dann soweit: Ministerpräsident Papandredreou rief offiziell beim Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU um Hilfe, um eine Staatspleite abzuwenden. Der so genannte Euro-Rettungsschirm, zunächst unter dem schneidigen Namen Europäischer Finanzstabilisierungsmechanismus (EFSM), war geboren11. Aber jetzt nicht unbedingt nur aus reiner Nächstenliebe. Denn wenn der Stammtisch sagt „Lass‘ die faulen Griechen doch Pleite gehen“, dann vergisst er, dass wer nochmal die ganzen Jahre griechische Staatsanleihen gekauft hat? Genau, die Banken und Pensionsfonds, auch und vor allem der Eurozone. Um also einen Kollaps der Finanzwirtschaft in Europa zu vermeiden und kein Exempel einer Staatspleite zu liefern, nachdem sich der Finanzmarkt auch auf Länder wie Italien oder Portugal hätte einschießen können (schließlich kann man an Krisen anderer sehr gut verdienen bei den Investmentbanken), musste man wohl „Griechenland retten“. Auch, um die gemeinsame Währung zu erhalten.

Wie „rettet“ man nun einen Staat? Schenkt man ihm Geld? Übernimmt man seine Schulden? Erlässt man ihm seine Schulden? „Hilfspaket“ klingt halt auch so, als hätte man über der Akropolis Geld abgeworfen. Hätte man machen können, aber hätte dann ja auch jemanden Geld gekostet. Also jemanden anderes als die Griechen selbst. Stattdessen entschied man sich, großzügig Kredit zu geben, also weiteres Kapital lediglich zu leihen. Dafür aber zu Zinsen, für die Athen am freien Finanzmarkt niemals Geld bekommen hätte und mit einem Tilgungsaufschub bis 2020. Ein super Deal, denn nach diversen Abwertungen durch Ratingagenturen galt Griechenland als Ramsch-Schuldner, sozusagen als Schulabbrecher mit A8, und musste an den Börsen zwischenzeitlich 24% Zinsen für neues Geld berappen12.

Das Programm wurde über drei Jahre aufgelegt und hatte ein Volumen von 110 Milliarden Euro (80 von der EU und 30 vom IWF), von denen letztlich 73 Milliarden in Form von Krediten ausgezahlt worden sind. Deutschlands Anteil: 15,2 Milliarden des EU-Geldes und als Mitglied des IWF letztlich ein weiteres anteiliges Risiko13. Wie die Spielregeln bei einem Kredit nunmal so sind: Kann Griechenland nicht zurückzahlen, bleibt auch Deutschland auf den Schulden sitzen. Aber soweit sind wir ja noch lange nicht. Erstmal kriegt die Bundesrepublik laufende Zinszahlungen auf das geliehene Geld.

Bezahlt haben bis dahin erstmal nur die Griechischen Bürger: Mit Renten- und Gehaltskürzungen, dem Abbau des Sozialsystems und einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit auf über 25%14. Denn im Gegenzug für die Milliardenzusagen erlegte die EU, allen voran der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble – ein Schwabe, den Griechen ein rigoroses Sparprogramm auf. Denn die müssen nur gut haushalten lernen, sagt auch Else aus Reutlingen. Wahr ist, dass der Staatshaushalt wohl sehr laissez faire ausgegeben worden war in den Jahren zuvor, inklusive Korruption, Misswirtschaft und gelegentlichen Rentenzahlungen an längst verstorbene Mitbürger. Das Geld mit mehr bedacht auszugeben, war da sicherlich keine schlechte Idee. Wahr ist aber auch, dass es bis heute zwei völlig gegensätzliche Meinungen gibt, wie auf eine solche Krise zu reagieren ist.

Die eine heißt „sich gesund sparen“ (Austeritätspolitik). Die Folgen davon sind weniger Ausgaben, aber eben auch weniger Geld, das man investieren kann, sowohl im Privaten als auch im Öffentlichen Haushalt, ergo schrumpft die Wirtschaft und die Schulden werden relativ dazu erstmal nicht kleiner, sondern sogar noch größer. Die andere sieht vor, Ausgaben clever einzusetzen, also zu investieren, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, um also die Fähigkeit, die Schulden zu bedienen, wieder zu stärken. Wenn man mal von Keynesianern gehört hat, dann sind die Vertreter dieser Wirtschaftstheorie gemeint, und keine Einwohner eines ostafrikanischen Staates15.

Whatever it takes

Schwaben sind allerdings gemeinhin der Meinung, dass mit Sparen noch alles zu richten ist. Die Griechen sahen das ein bisschen anders, vor allem weil sie live mitbekamen, wie in ihrem Land durch das europäische Diktat alles vor die Hunde ging, denn die Sache mit der Finanzkrise zog sich ziemlich in die Länge. Die Finanzmärkte spekulierten auf eine Pleite Griechenlands und auf ein Auseinanderbrechen des Euroraumes.

Deshalb brauchte es 2012 ein zweites Hilfspaket und die Versicherung der Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi, „whatever it takes“16 zu unternehmen, um den Euro zu retten. Was im Wesentlichen nichts anderes war als die Garantie, unbegrenzt Geld bereit zu stellen, um den Euro zu erhalten. Damit bewegte sich die EZB bereits sehr an der Grenze ihres (ausschließlich geldpolitischen) Mandats, nämlich für Preisstabilität zu sorgen17.

Tatsächlich gab es im selben Jahr auch einen „Schuldenschnitt“, also einen Teilerlass von Schulden durch Gläubiger. Allerdings betraf das nur private Gläubiger, die griechische Staatsanleihen hielten. Und es war auch kein „ok, das Geld sehen wir nicht wieder, passt schon“, also ein Schuldenerlass, sondern ein Umtausch von alten Anleihen in neue. Dadurch verloren Investoren tatsächlich über die Hälfte ihres ursprünglich investierten Geldes18. Dass sie dem überhaupt zustimmten hing aber auch damit zusammen, dass der Wert der alten Papiere (die nach der Ausgabe auch an der Börse gehandelt werden) eh schon unter 50% gelegen hatte19. Deutschland war in dem Fall auch indirekt betroffen, denn die Hypo Real Estate (HRE) musste durch den „Haircut“ ebenfalls einen Großteil ihrer an Griechenland ausstehenden 8 Milliarden abschreiben. Und die HRE war schon drei Jahre zuvor verstaatlicht worden. Der deutsche Steuerzahler hat also in diesem Fall tatsächlich zahlen müssen. Allerdings nur, weil man Eigner einer Bank war, die man wegen ihres katastrophalen Wirtschaftens hatte verstaatlichen, also „retten“ müssen.

Insgesamt hatte das zweite Hilfspaket ein Kreditvolumen von 164,4 Milliarden Euro, von denen knapp 143 Milliarden ausbezahlt wurden. Während das Geld des IWF (11,8 Mrd.) bis 2026 zurückgezahlt werden soll, sind die 130,9 Milliarden aus der Europäischen Finanzstabilisierungfazilität (ESFS) zunächst bis 2022 zinslos und mit einer beträchtlich längeren Laufzeit versehen. Der ESFS ist dabei ein Konstrukt, das nicht mehr von der ganzen EU, sondern nur von den Euroländern getragen wird. Mittlerweile existiert mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) sogar noch ein weiteres Vehikel, dass diesmal nun dauerhaft für Finanzierungsklemmen von Eurostaaten bereit steht20.

Aufstand der armen Schweine

Nun ist ja Griechenland eine Demokratie. Und 2015 wurde gewählt. Und was machen Bürger, die unter galoppierender Arbeitslosigkeit, einer darbenden Wirtschaft und dem Spardiktat der Troika (EU, EZB, IWF) leiden? Sie wählen extrem, damit sich was ändert. Also wurde Alexis Tsipras von den Sozialisten Ministerpräsident. Und der machte das, was er versprochen hatte: Er befragte das Volk, was es von dieser ganzen Geschichte denn so hält. Wenig überraschend votierten über 61% dafür, die weiteren Sparmaßnahmen nicht umzusetzen, und im Zweifel lieber eine Staatspleite in Kauf zu nehmen. Endlich das Ende mit Schrecken sozusagen, aber dafür mit echtem Schuldenerlass.

Dem Druck der anderen Euroländer, die ihrerseits nicht vor den Finanzmärkten einknicken wollten, hielten aber auch die Ideale des Herrn Tsipras nicht stand. Und deshalb gab es ab August 2015 noch ein drittes Paket. Diesmal ohne IWF, der nach dem Widerstand aus Athen nicht mehr mitmachen wollte. Dafür aber mit 61,9 Milliarden vom ESM.

2018 lief auch dieses Programm aus, seitdem finanziert sich Griechenland wieder am Kapitalmarkt. Da das fluten der Märkte mit billigem Geld aber mittlerweile derart salonfähig geworden war, zahlten auch die Hellenen nur zwischen etwa 2,5 und 4% Zinsen.

Kopi
Faul. Aber kein Grieche.

Wie viel hat den Deutschland nun für die Griechen zahlen müssen?

Die überraschende Antwort: Erstmal gar nichts (mit Ausnahme der faulen Kredite der Pleite-HRE). Das Geld ist nur geliehen. Bis heute hatten vor allem Griechen unter der Krise zu leiden: Zwischen 2008 und 2013 ist die Wirtschaft durch die Liquiditätsklemme und die Sparmaßnahmen um 26% eingebrochen21. Bis 2014 hatte sich die Schuldenquote auf 177% des (durchs Sparen jetzt kleineren) BIP erhöht und jeder vierte Grieche fand keine Arbeit mehr22. Zwar hatte sich die Lage (vor Corona!) ein bisschen gebessert, die Arbeitslosigkeit liegt aber immer noch bei knapp 20%23, und der Einbruch der Tourismuswirtschaft wird dem Land keinen Gefallen getan haben – soviel ist mal sicher.

Bislang hat Deutschland an den Zinsen für das geliehene Geld sogar teilweise ganz gut verdient24 25 26. Wobei man natürlich auch dazu sagen muss, dass ein Großteil des verliehenen Geldes zeitweise zinsfrei gewährt worden waren.

Aber ganz aus dem Schneider ist Deutschland auch nicht. Denn die Probleme sind in die Zukunft verschoben. Die griechische Wirtschaft müsste in den nächsten 40 Jahren durchgängig deutlich wachsen und der Haushalt Überschüsse erzielen, um die aufgehäuften Schulden letztendlich begleichen zu können. Das ist in der benötigten Form so noch keinem Staat gelungen27. Nachdem vorsichtige Schätzungen allein für 2020 von einem Corona-Knick von knapp 10% ausgehen28 sieht man ja, wie gut das so läuft. Ein Schuldenschnitt wird unausweichlich sein. Nur halt nicht jetzt. Bis dahin hat man sich dann hoffentlich was Neues einfallen lassen.

Denn das System Euro ist ein großer Glücksfall für Deutschland und sein Erhalt im ureigensten Interesse: Für die Wirtschaftsleistung der BRD ist die Gemeinschaftswährung nämlich eigentlich zu schwach, weil ihr Kurs ja die Volkswirtschaften aller Mitgliedstaaten abbildet. Und dieser niedrige Kurs ist für eine Exportnation natürlich Gold wert (siehe die Bemerkungen über den Währungshebel oben). Würde Deutschland wieder die D-Mark einführen, so wie die AfD damals forderte, als noch nicht ausschließlich Nazis dabei waren, würde die neue alte Währung im internationalen Währungskorb erstmal kräftig aufwerten. Und ob die Chinesen unsere Mercedesse immer noch so fleißig kaufen, wenn die auf einmal ein Drittel teurer sind?

Deutschland ist also nicht der „Zahlmeister für Griechenland“, hat aber durchaus einiges an Geld im Risiko. Die Eurokrise ist verschoben, man hat sich Zeit verschafft. Denn wäre Griechenland so mir-nichts-dir-nichts vor zehn Jahren pleite gegangen, wäre das vielleicht nicht der Weltuntergang gewesen. Aber Portugal, Irland und irgendwann auch Italien und Spanien wären unter dem Druck des Finanzmarkts gleich danach zusammengebrochen. Dann hätten der Euro, die EU und damit die ganze Stabilität des Kontinents – wirtschaftlich wie politisch – am Abgrund gestanden.

So flapsig ein „Schöne Straße hier, hab‘ ich die bezahlt?“ auch sein mag, es ist nicht verkehrt sich im Hinterkopf zu behalten, dass es meistens etwas komplexer ist als die BILD schreibt. Und wer hatte eigentlich nochmal diese ganze Finanzkrise maßgeblich verursacht? Der griechische Einzelhändler im Schatten der Akropolis war es nicht. Vielleicht hilft hier ja ein Zitat eines anderen Schwaben auf die Sprünge:

Du hast Angst vor den Griechen, denn du hältst sie für Diebe…

Ich hab Angst das Rettungsgelder nur noch in die Banken fließen!

— Juse Ju – German Angst
Playlist
Die Playlist beginnt dann auch sogleich mit dem sympathischen Hip-Hopper aus Esslingen. Und ist diesmal etwas länger geworden. Weil, ist ja auch schon wieder ne Menge Zeit vergangen.

Notizen

  1. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167463/umfrage/staatsverschuldung-von-griechenland-in-relation-zum-bruttoinlandsprodukt-bip/
  2. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167738/umfrage/staatsverschuldung-von-italien-in-relation-zum-bruttoinlandsprodukt-bip/
  3. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/4783/umfrage/anteil-der-schulden-des-oeffentlichen-gesamthaushalts-am-bip/
  4. https://europa.eu/european-union/about-eu/euro/which-countries-use-euro_de
  5. https://www.wiwo.de/unternehmen/banken/verstaatlichte-banken-wie-es-den-suendern-der-finanzkrise-heute-geht/6972018.html
  6. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/griechenland640.html
  7. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/aerger-in-bruessel-griechenlands-defizit-ploetzlich-verdoppelt-1865830.html
  8. https://ec.europa.eu/economy_finance/db_indicators/gen_gov_data/documents/2012/autumn2012_country_en.pdf
  9. https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Maastricht#W%C3%A4hrungs-_und_Wirtschaftsunion
  10. Auch hier brauchen sich die Deutschen nichts einbilden, Anfang der 2000er gab es sogar ein Verfahren gegen Deutschland, weil mehrfach hintereinander die Neuverschuldungsgrenze gerissen worden war.
  11. https://web.archive.org/web/20150726021821/http://www.europarl.europa.eu/brussels/website/media/Basis/InternePolitikfelder/WWU/Pdf/VO_407_2010.pdf
  12. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/383110/umfrage/entwicklung-der-rendite-zehnjaehriger-staatsanleihen-griechenlands/
  13. den IWF-Anteil von 20,1 Milliarden hat Griechenland zwischen 2013 und 2016 inkl. Zinsen bereits vollständig zurückgezahlt
  14. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/17312/umfrage/arbeitslosenquote-in-griechenland/#:~:text=Im%20Jahr%202019%20lag%20die,auf%20rund%2018%2C3%20Prozent.
  15. https://en.wikipedia.org/wiki/Keynesian_economics
  16. https://www.kfw.de/KfW-Group/Newsroom/Latest-News/News-Details_426753.html
  17. Diesem Beispiel folgen aktuell übrigens fast alle Notenbanken der Industrieländer. Pleite geht auch wegen Corona aktuell niemand. Zumindest kein Staat und kein Konzern. Deshalb spricht man aktuell auch oft von „Notenbanksozialismus“.
  18. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/schuldenschnitt132.html
  19. https://www.gevestor.de/details/schuldenschnitt-griechenland-als-neustes-beispiel-626402.html
  20. https://de.wikipedia.org/wiki/Euro-Rettungsschirm#cite_note-8
  21. https://ec.europa.eu/eurostat/tgm/table.do?tab=table&init=1&plugin=1&language=de&pcode=tec00115
  22. https://ec.europa.eu/economy_finance/db_indicators/gen_gov_data/documents/2012/autumn2012_country_en.pdf
  23. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/17312/umfrage/arbeitslosenquote-in-griechenland/
  24. https://www.welt.de/wirtschaft/article177927368/Griechenland-Rettung-Deutschland-verdiente-an-Zinsgewinnen-fast-drei-Milliarden.html
  25. https://www.deutschlandfunk.de/griechenlandhilfen-deutschland-hat-von-der-krise-auch.769.de.html?dram:article_id=425943
  26. https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/zinsgewinne-in-schuldenkrise-deutschland-verdient-milliarden-mit-griechenland-krediten/22717682.html
  27. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167459/umfrage/staatsverschuldung-von-griechenland/
  28. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/14538/umfrage/wachstum-des-bruttoinlandsprodukts-in-griechenland/

3 Kommentare zu „Du hast Angst vor den Griechen“

  1. Joe aus Kalifornien

    Interessante Retrospektive. Endlich eine neue Krise, jetzt kann man über die vorletzte endlich emotionsfrei reden ^^

    Ein Seitenhieb darauf, dass Griechenland mit den anderen Mittelmeer Anreinern quasi weiterhin mit Menschen auf der Flucht allein gelassen wird hätte das gesamt Bild noch gut ergänzt. Hat China sich nicht auch noch den einen Hafen gesnackt im Schatten der Krise… oh man ey.

    Soll aber keine Kritik sein, lässt sich richtig gut fundiert lesen. Danke für deine investierte Zeit ✌️

    1. Hi Joe,

      bist du aktuell wieder in Cali?

      Du hast natürlich Recht, das Thema hat grundlegende Auswirkungen auch noch in viele andere Richtungen. Die Machtverschiebungen in der globalisierten Wirtschaft. Das Geld aus den Krediten, dass gar nicht so sehr für die Griechen selbst wichtig ist, sondern um die Banken im Rest Europas am Leben zu erhalten, die auf Grund von Misswirtschaft und Spekulation marode sind und den Kreditausfall nicht verkraften würden. Die Geflüchteten-Politik. Der Irrsinn, dass eine Währungsgemeinschaft besteht, aber keine Fiskalunion… und und und… Völlig valider Punkt, aber wie gesagt, sollte keine Dissertation werden 😛

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