Rekord 904

Wie viele Projekte fängt man an und bringt sie nicht zu Ende? Umso stolzer bin ich auf dieses! Denn als ich mein altes Bianchi letztes Jahr komplett auseinander gerupft habe, war ich mir schon unsicher, ob ich es jemals wieder fahren würde. Und spätestens als ich Wochen damit zugebracht habe, die Gabel zu malträtieren, weil der Alu-Vorbau nach etwa 35 Jahren Kontaktkorrosion untrennbar mit dem Stahl verschweißt war, schien der Zweifel groß. Mit Säure habe ich es probiert, mit Lauge, mit Hammerschlägen, mit Heißluft. Am Ende mit mechanischer Gewalt und ausbohren… Egal, alles vergessen. Es ist fertig!

Bianchi Headtube
Stolz prangt das Logo auf dem Steuerrohr.

Auf Grund meines Umzugs waren Rahmen und Altteile monatelang auf dem Dachboden eingelagert. Erst eine persönliche Veränderung gab mir den Antrieb, den Platz meines dritten Zimmers noch einmal zu nutzen – und auf einmal waren Motivation und Druck da. Was nicht da war: Expertise und Erfahrung. Mittlerweile kenne ich die verschiedenen Innenlagertypen, die überraschend kreativen Arten, Kassetten von einer Hinterradnabe zu entfernen, und kann sogar Speichen einstellen und Laufräder zentrieren.

Natürlich lag der Gedanke nahe, da jetzt coole Step-by-Step-Anleitungen und Timelapse-Videos zu produzieren. Wenn nicht für Insta, dann wenigstens für hier. Aber nö, den meditativen Zustand, den man eigentlich nur beim Schrauben erreicht1, den wollte ich zwanglos genießen. Außerdem war phasenweise auch ganz schön Stümperei dabei. Nun gut, also kein Insta-Fame. Aber ich möchte bescheiden behaupten: Eines der schönsten Fahrräder Hamburgs als Ergebnis. Und das hat zumindest eine kleine textliche Würdigung verdient. Also, Rekapitulation.

Schritt 1: Bis auf’s nackte Skelett

Blick in die Werkstatt
Blick in die Werkstatt – die kurz darauf ein Kinderzimmer wurde.
Bausatz.

Irgendwann war der Vorbau aus der Gabel. Unklar, ob Gewinde und Form jemals einen neuen Vorbau würden aufnehmen können. Egal, mutig voran und bei Pulverbeschichtung Hamburg die Farbe raussuchen, die am ehesten an Celeste ran kommt2. Die leichte Metallicnote des Originallacks musste natürlich auch passen. Und auf einmal war ich investiert. Nicht nur ideell, sondern auch finanziell. Denn das Pulverbeschichten war mit Abstand das Teuerste an diesem Projekt. Gut eine Woche später hatte ich einen glasperlengestrahlten, rostfreien Rahmen in der Hand, der in schönstem Türkis glitzerte.

Die Richtung stimmt!

Ein freundlicher Fahrradmechaniker mit 1-Zoll-Gewindeschneider war für einen 10er dann noch so nett, mir das Gewinde am Gabelschaft nachzuschneiden. Da hatten die brutalen Methoden des Auseinanderbauens nun doch ihren Tribut gefordert. Als auch das geschafft war, konnte es los gehen. Auf zur Wiedergeburt.

Lager, Lenker, Sticker

Tretlager und Steuersatz sollten neu. Wenn man sich schon solch eine Mühe mit einer alten Stahleselin gibt, dann sollte man an den elementaren Kraftübetragungspunkten auch mal runderneuern. Mit viel Kraft und erstaunlich wenig Komplikation rutschte das Gewindeinnenlager (ITA-Standard) gut gefettet in den Rahmen. Das alte war noch in Einzelteilen auszubauen gewesen, mittlerweile kriegt man selbst für schmales Geld nur noch geschlossene Kartuschen. Fortschritt und Upgrade.

Während es beim Tretlager trotz fehlenden Werkzeugs für die Lagerschalen erstaunlich unkompliziert voran gegangen war, machte ein sauberes Einstellen des Steuerlagers da schon mehr Arbeit. Schließlich noch den neuen Vorbau rein, den Lenker montiert, die aufpolierten Bremsen wieder an ihren Platz gebracht. Und auf einmal hatte man wieder so etwas wie ein Fahrrad auf dem Montageständer.

Erst recht, als die Decals wieder auf dem Rahmen waren! Nach langer Recherche war ich bei eBay fündig geworden. Irgendein Neuseeländer hat sich wohl zum Hobby (oder zum Beruf?) gemacht, Sticker-Sets von alten Rennrädern anzubieten. Preislich happig, aber tatsächlich alternativlos. Zumal das Decal-Set von einem Bianchi Rekord 902 angeboten wurden, ich aber, wie ich nach noch längerer Recherche rausgefunden hatte, ein Rekord 904 besitze.

Der Unterschied? Das 904 hat ab Werk eine Shimano-Gruppe. Eigentlich Sakrileg für ein Bianchi und Ende der 80er höchst ungewöhnlich und selten. Beim Rahmendekor immerhin gleichen sich die beiden Modelle. Naja, bis auf den Rahmentyp-Sticker am Sattelrohr, der dann auch aus Akkuratesse weggelassen wurde.

Rahmen mit Gabel und Lenker im Montageständer
Man erkennst schon, was es werden soll.

Bremsenreiniger und Polierwatte

Irgendwann hatte ich mal was von Singlespeed erzählt. Primär deshalb, weil ich nicht viel Vertrauen in den nachhaltigen Zustand der Schaltgruppe (Shimano, wie gerade gelernt) hatte. Weil Singlespeed für ein urbanes Rad irgendwie hip ist. Und eigentlich, weil ich mir nicht zugetraut hatte, Schaltgruppe und Züge selbst wieder ordentlich montieren und einstellen zu können. Im Vorfeld hatte ich für diesen Plan in so manchem Fahrradladen gerümpfte Nasen und hochgezogene Augenbrauen geerntet. „Waaas? Du willst dieses schöne Rad zu einem Singlespeed verschandeln?“ Und es stimmt ja auch: Wenn schon, dann richtig!

Züge und Kette kamen neu, alles andere, bis auf die kleinste Feder im Schaltwerk, wurde auseinander gebaut und penibel mit Pinsel, Tuch und Bremsenreiniger so lange bearbeit, bis keine Spuren von Dreck mehr auszumachen waren. Alles neu gefettet und jedes Stahlteil mühevoll mit Polierwatte wieder auf Hochglanz gebracht (ich hasse glänzende Speichenfelgen!). Neue Schläuche und Mäntel waren natürlich auch noch drin. Zum Schluss alles wieder in der richtigen Reihenfolge an die richtige Position bringen, Pedale und Sattel anbauen, einstellen.

Klingt eigentlich alles ganz einfach. Würde beim zweiten Mal auch bestimmt schneller gehen. Wer also noch irgendwo einen alten Rekord 904-Rahmen rumliegen hat, das kann ich jetzt. Würde auch einen 902er nehmen, da ist ja eh nur die Schaltgruppe anders 🙂

Auch wenn es natürlich fährt – und ich möchte bescheiden sagen, mindestens so gut wie am ersten Tag – hängt es jetzt hier als Deko an der Wand. Und ich erfreue mich bei jedem Vorbeigehen daran. Es ist nun eher so ein Café Racer. Im Sommer, an Sonntagen, auf dem Weg zu Eisdiele, da wird es dann rausgeholt und den staunenden, neidischen Blicken der ganzen Hipster auf ihren Singlespeeds präsentiert werden.

Ein Bild von mir mit dem Endergebnis des Projekts.
Stolz auf das Endergebnis.
Wanddeko
Gibson Les Paul. Bianchi Rekord 904. Im Hause Kopenetz ist die Wanddeko nur vom Feinsten.

Kassensturz

WasWoKosten
Gabelgewinde richtenFahrradladen10,–
Rahmen pulverbeschichtenpulverbeschichtung-hamburg.de154,–
Steuersatzcustom-junkies.com18,90
Innenlagercustom-junkies.com22,90
Vorbaucustom-junkies.com15,90
Versandkostencustom-junkies.com4,90
Decals incl. VersandeBay.de36,90
Headtube Logosatz incl. Versandaliexpress.com4,62
Kettebruegelmann.de17,99
Kurbelschraubenbruegelmann.de4,98
Reifenbruegelmann.de31,98
Schläuchebruegelmann.de9,98
Flaschenhalterbruegelmann.de5,98
Schaltzugbruegelmann.de3,90
Bremszugbruegelmann.de3,90
Bremszugendkappenbruegelmann.de1,99
Summe Dachboden bis Straße348,82
Wandhalterungbike-discount.de69,–
Summe Dachboden bis Wanddeko == Gesamtkosten417,82

Merke: Es ist nicht ganz günstig, so ein altes, ausgiebig gebrauchtes Schätzchen wieder auf Vordermann zu bringen. Ein Blick darauf, was für alte Bianchis auf eBay-Kleinanzeigen hingeblättert wird, versöhnt dann wieder ganz schnell. Vor allem in dem Zustand. Aber es ist ja auch nicht irgendein alter Stahlrenner. Es ist Hamburgs schönstes Fahrrad. Und extrem unverkäuflich.

Notizen

  1. ich empfehle hierzu dringend, „Zen and the art of motorcycle maintenance“ zu lesen. Gilt auch für Fahrräder.
  2. wer den ersten Beitrag zu diesem Projekt gelesen hat weiß, dass es keinen einheitlichen Farbton für Bianchi gibt

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.